Unser Bergwerk









Stolz und Zuversicht spiegeln sich in den Gesichtszügen dieses Mannes. Das Photo zierte die Titelseite der 1978 herausgekommenen Schallplatte der Bergkapelle Sophia-Jacoba. Es zeigt den Bergmann Ewald Moysig von Sophia-Jacoba, und Ewald Moysig und seine mehr als 5000 Kameraden hatten auch allen Grund, stolz und zuversichtlich zu sein.

Sie arbeiteten auf der modernsten Grube Europas, sie förderten die qualitativ beste Kohle, den Hückelhovener Edel-Anthrazit, sie hatten einem einstmals kleinen, unbedeutenden Ort Wohlstand und Glück gebracht. Wie in vielen anderen Bergbaugegenden auch haben Menschen wie Ewald Moysig der hiesigen Gegend ihren Stempel aufgedrückt. Sie verkörpern einen Menschenschlag, für den nicht die „Selbstverwirklichung“ (womöglich auf Kosten anderer), sondern die Kameradschaft wesentlich war. Sie fragten nicht: „Was habe ICH davon?“, sondern „Wie können WIR das schaffen?“ Ja, sie durften mit Fug und Recht stolz sein, was sie in den Jahrzehnten geschafft und geschaffen hatten. Und ja, sie durften auch mit Zuversicht in die Zukunft schauen, denn für sie alle war der Bergmannsberuf kein „Job“, den man morgen gegen den nächsten eintauscht, sondern ein Beruf, den sie liebten.

Ewald Moysig und sein Zwillingsbruder Günter mögen hier stellvertretend für tausende von Bergleuten stehen, die Sophia-Jacoba groß gemacht haben. Auch das Schicksal ihrer Familie ist durchaus typisch. Wie bei den meisten Hückelhovenern befanden sich auch die Wurzeln der Moysigs nicht hier, ihre Wiege stand nicht in Hückelhoven. Moysigs stammen aus einem alten Hugenottengeschlecht und waren nach dem Kriegsende von Süddeutschland nach Hückelhoven gekommen. Die beiden 1934 geborenen Brüder mußten noch in den letzten Kriegstagen das wohl Schrecklichste erleben, was ein kleines Kind nur erleben kann: sie verloren ihre Mutter bei einem Tieffliegerangriff amerikanischer Flugzeuge. Frau Moysig deckte den kleinen Günter mit ihrem Leib und wurde von den Kugeln sofort getötet. Die beiden kleinen Buben waren mit gerade einmal 11 Jahren Halbwaisen.

Ihr Vater kam mit ihnen nach Hückelhoven, wo er auf Sophia-Jacoba, das nach dem Krieg wiedererblühte, Arbeit fand. Sophia-Jacoba suchte neue Bergleute, und sie kamen nach Hückelhoven. Viele hatten ähnliches durchgemacht wie die Moysigs, viele sogar noch Schlimmeres. Sie hatten ihre Liebsten an der Front im Krieg verloren, im Bombenhagel oder beim Beschuß; sie waren ausgebombt worden, hatten wirklich nur noch das, was sie am Leibe trugen; sie kamen halbverhungert und ohne jede Hoffnung aus der Kriegsgefangenschaft; sie waren aus ihrer Heimat über Nacht vertrieben worden, hatten erleben müssen, wie man ihre Familien ermordete, nur weil sie Deutsche waren. Sie alle standen nach dem Krieg vor dem buchstäblichen Nichts. Für keinen von ihnen war es ein leichter Beginn, aber es war ein neuer Beginn. Sophia-Jacoba gab ihnen Arbeit, einen neuen Lebenssinn, ein gesichertes Einkommen und nicht zuletzt Werkswohnungen, in denen sie mit ihren Familien diesen Neuanfang wagen konnten. Sophia-Jacoba gab ihnen ein Versprechen auf die Zukunft, und Sophia-Jacoba hat sie nicht enttäuscht. Umgekehrt haben Menschen wie die Familie Moysig dieses Vertrauen, das man in sie setzte, ebenfalls nie enttäuscht. Schon 1950 folgten die Gebrüder Moysig in den Fußspuren des Vaters und wurden ebenfalls Bergleute.

Hier schufen sie ihre berufliche Existenz, die ihnen die Basis für ihre private Existenz gab. Sie fanden Freunde und Kameraden, sie lernten ihre neue Heimat lieben. Sie begegneten hier ihren zukünftigen Ehefrauen, heirateten, bekamen Kinder, gründeten ihre Familien und sahen dann später mit Freuden ihre Enkel heranwachsen. Hückelhoven wurde ihnen zur neuen Heimat, und sie wurden stolze Bergleute. Hückelhoven und Sophia-Jacoba brachte ihnen Glück, aber sie brachten auch Hückelhoven und Sophia-Jacoba Glück. Ewald und Günter Moysig können heute auf ein jahrzehntelanges erfülltes Bergmannsleben zurückblicken, auf das sie stolz sein dürfen. Als sie Ende der 1980er Jahre in den Ruhestand gingen, arbeitete bereits die dritte Generation der Familie Moysig auf Sophia-Jacoba. Und würden sich heute noch die Seilscheiben drehen, dann wäre vielleicht schon die vierte Generation da.

Die Gebrüder Moysig sind ihrer neuen Heimat treu geblieben: Günter wohnt heute noch mit seiner Frau in einem der schmucken, historischen Bergmannshäuser in Sichtweite von Schacht 3, und Ewald Moysig lebt mit seiner Frau nur wenige Kilometer entfernt im Selfkant an der niederländischen Grenze. Wir danken den Gebrüdern Moysig, daß sie uns einen Einblick in ihr Bergmannsleben gewährten und daß wir dieses Bild hier reproduzieren durften: so haben sie dem Bergmann von Sophia-Jacoba buchstäblich „ein Gesicht gegeben“.


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Als Sophia-Jacoba 1997 starb, da war es ein anderer Hückelhovener, der die richtigen, weil nüchternen Worte fand:


                                      SOPHIA - JACOBA                                        

                                      

die töchter des gründers,

                                sagen die historiker.                                   

                                          

ein bergwerk im rheinland,

sagen die geographen.

 

die zeche mit dem besten anthrazit,

sagen die fachleute.

 

ein prozent der robeco,

sagen die aktionäre.

 

ein gegenstand der beratungen,

sagen die politiker.

 

eine möglichkeit der profilierung,

sagen die parteien.

 

unser leben,

 sagen die menschen in hückelhoven.

 

 

 

Diese Zeilen schrieb Hans Latour aus Ratheim.

Bis zu seiner Pensionierung war er Direktor der Realschule in Ratheim.

Sein Vater war Bergmann auf Sophia-Jacoba.

Hans Latour wußte, wovon er sprach.

 

Wir danken Dr. Latour, daß wir sein Gedicht hier reproduzieren dürfen.




(wird fortgesetzt)