Tradition

   TRADITION

 

 

Kaum ein Berufsstand wird hierzulande so sehr mit den Begriffen Tradition und Brauchtum assoziiert wie der Bergmannsstand. Vor unserem geistigen Auge sehen wir sofort farbenfrohe Bergparaden und wippende Federbüsche, Barbarastatuen und stolz marschierende Bergkapellen, und wohl jeder von uns hat sogleich das „Glückauf der Steiger kommt“ im Ohr.

 

In dieser Rubrik wollen wir Ihnen in loser Folge und ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit Wissenswertes nahebringen: aus der Geschichte des Bergbaus, unseres Bergwerks Sophia-Jacoba und nicht zuletzt auch unseres Vereins.

 

Den Anfang machen…

 


1. DIE MUSIKINSTRUMENTE DES BERGMANNS

 

Es ist bis heute so: wo Bergleute sich zusammenfinden, da sind Musik und Gesang stets mit dabei. Ihr ganzes berufliches aber auch ihr privates Leben ist stets von Musik begleitet und erfüllt gewesen. Und so ist auch das „Arsenal“ an Instrumenten, das sie über die Zeiten verwendet haben, sehr beeindruckend. In den heutigen Bergkapellen sehen wir natürlich die ganze Palette von Holz- und Blechbläsern. Aber auch im kleineren Kreis oder im privaten Rahmen haben Knappen alle möglichen Instrumente gespielt: von Gitarre, Akkordion, Mund- und Ziehharmonika über Fiedel, Geige und Trompete bis hin zu Klarinette, Fagott und Waldhorn. Und Tambourin oder Trommel gaben den Rhythmus vor. Ja selbst die deutsche Form des Dudelsacks, die sogenannte „Sackpfeife“ (auch „Bock“ genannt) war in manchen Bergbaugegenden anzutreffen. Viele dieser Instrumente sind bis heute allgemein bekannt. Doch wir wollen Ihnen hier ein paar besonders originelle Musikinstrumente präsentieren, die Ihnen nicht jeden Tag begegnen oder die vielleicht nur im Bergmannsmilieu beheimatet sind.

 

 

1.1 DIE STIMME MEINER SEHNSUCHT: DAS „BERGMANNSKLAVIER“ BANDONION


                                                                                                                                     Foto:  www.pigini.de

Die beiden Flüsse haben nun wirklich nicht viel gemeinsam: die Ruhr und der Rio de la Plata. Doch an beiden Flüssen leben Menschen, denen trotz oder vielleicht sogar wegen ihres harten Lebens eine impulsive Freude am Leben, ein enges Gemeinschaftsgefühl, ein tiefes, mitunter auch bis in die Sentimentalität reichendes Gefühl und nicht zuletzt Wehmut zueigen ist. Und in beiden Gegenden wurde dasselbe Instrument zum Ausdruck ihres Lebensgefühls: das Bandonion. Auch wenn wir heute das Bandonion vor allem mit dem argentinischen Tango assoziieren, so stammt es doch aus dem Bergbau in Deutschland und galt bis vor wenigen Jahrzehnten in manchen Bergbaurevieren als „das Bergmannsklavier“.

Als Anfang des 19. Jahrhunderts der Bergbau im westlichen Erzgebirge in eine Krise geriet und auch die örtlichen Hammerwerke zusperrten, ging man in dem Örtchen Carlsfeld zum Instrumentenbau über und begann, den Vorgänger des Bandonions, die Concertina, zu produzieren. (Übrigens werden seit der Wiedervereinigung in Carlsfeld wieder Concertinas und Bandonions gefertigt und in die ganze Welt exportiert!).

Der Krefelder Musiklehrer und Musikalienhändler Heinrich Band (1821 – 1860) verbesserte später die Concertina, erweiterte sie in ihren Möglichkeiten und nannte sie dann nach seinem Familiennamen „Bandonion“. In Deutschland verbreitete sich das Bandonion vor allem in Arbeiter- und Bergmannskreisen sehr schnell, und mit deutschen Auswanderern gelangte es schließlich nach Südamerika. Welch ungebrochene emotionale Kraft dieses Instrument besitzt, haben wir sicherlich alle noch in Erinnerung: als bei ihrer Trauung das Bandonion zu spielen begann, konnte die aus Argentinien stammende niederländische Prinzessin Maxima die Tränen nicht mehr zurückhalten.

 

Das Bandonion erinnert in seinen tiefen Lagen an das Cello und in den hohen Lagen an die Oboe, und es besitzt einen größeren Tonumfang als das Akkordion. Astor Piazzolla erklärte einmal sehr bildhaft den Unterschied: das Akkordion sei in seinem hellen, strahlenden Klang wie eine Zitrone und das Bandonion in seinem runden, sublimen Klang wie eine Orange! Dieses Weiche, Dunkle und Sehnsuchtsvolle muß die Seele vieler Bergleute berührt haben, denen Wehmut ja auch nicht fremd ist. So gab es in der Vorkriegszeit in den Bergbaurevieren in Sachsen, Thüringen und vor allem im Ruhrgebiet hunderte von Bandonionorchestern, die Volks- und Bergmannslieder, Polkas und Walzer, Operettenmelodien und Schlager, Tangos und Märsche spielten. Man hörte die samtenen Klänge des Bandonions nach der Schicht in Kneipen und Cafes, sie wehten herüber aus den Hinterhöfen, den Schrebergärten und den Kolonien.

 

Die Vorzüge des Bandonions: es ist robust gebaut, sehr viel leichter zu transportieren als ein Akkordion und eignet sich sowohl als Orchester- wie auch als Soloinstrument, und man kann selbstverständlich auch dazu singen. Im Vergleich zu einem Klavier war es erschwinglich, und für einen vielleicht musikalisch nicht ausgebildeten Bergmann war es ideal: man mußte keine Noten lesen können, denn es wurde nach einem eigenen Notationssystem, der sogenannten „Wäscheleine“ gespielt. Dennoch, das Bandonionspiel ist nicht einfach zu erlernen. Immerhin werden mit 72 Tasten 144 Töne erzeugt! Man braucht Fleiß, Beständigkeit, Ausdauer und Zielstrebigkeit – also genau jene Tugenden, die der Bergmann in seinem Beruf auch tagtäglich übt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam mit dem Niedergang des Bergbaus auch der Niedergang der Vereinskultur und damit auch der Niedergang des Bandonionspiels. Zudem waren durch den Krieg und durch die Verstaatlichung in der DDR auch die traditionellen Herstellerbetriebe untergegangen. Und so verschwand ein Stück Alltagskultur und ein Stück Bergmannstradition.

Heute soll es in ganz Deutschland nur noch 9 Bandonionorchester geben. Auch die einst über 600 (!) Orchester im Ruhrgebiet sind verschwunden…bis auf eines. Aber das hat es in sich!

Die „Bandonionfreunde Essen“ unter Heinz Cramer und Franz Josef Senicar existieren gerade einmal seit 1991, aber mit ihrer Phantasie und Spielfreude haben sie dafür gesorgt, daß das Bandonion wieder ins Ruhrgebiet zurückgekehrt ist. Die Musiker treffen sich zur Probe dort, wo auch vor Jahrzehnten sich schon Bandonionspieler getroffen haben: in einer Kneipe. Allerdings bleiben sie dort nicht sitzen! Sie treten auf, geben Konzerte und Serenaden oder spielen auf Matineen und sorgen somit dafür, daß die Zuhörer das Lebensgefühl ihrer Vorfahren sinnlich erfahren können. Eine besondere Attraktion: die Musiker spielen auf historischen Instrumenten, die vor Jahrzehnten eben im erzgebirgischen Carlsfeld gebaut wurden. Doch geht es den Bandonionfreunden nicht um das museale Konservieren musikalischer Traditionen, und so ist ihr Repertoire sehr viel weiter gefächert, als dies bei einer Kapelle der 20er Jahre der Fall gewesen sein dürfte. Ob Tango, Marsch oder Slow-Fox, ob Paso Doble, Rumba oder Walzer, ob Bert Kaempfert, Jack White oder Dimitri Schostakowitsch: die Musiker zeigen, was alles auf dem Bandonion möglich ist. Ein Glücksfall ist überdies, daß vor einiger Zeit die Sängerin Gabi Beckenbach zum Orchester stieß. Ihr Gesang bereichert nicht nur den Orchesterklang, sondern vervollständigt ihn, denn ihre dunkle und warme Altstimme („Kontraalt“) ist die gesangliche Ergänzung des warmen Bandonionklangs.

 

                                                                                                      Photo Bandonionfreunde Essen (Mit Dank an WAZ / derwesten.de)

 

Die noch junge Bandeonistin Toma Neill nannte ihr Orchester einmal augenzwinkernd den „Buena Vista Social Club von Essen“ und lag damit gar nicht so falsch – vielleicht sollte man es Ry Cooder einmal sagen!

Hier geht es zur Homepage der Bandonionfreunde Essen


LINK:   http://www.bandonion-freunde.de/


auf der man auch die Erkennungsmelodie des Ensembles hören kann, den „Tango del Gruga“, den der Gründer Ferdi Kisovar komponierte. Ein wirklicher „Ohrwurm“.

Und in diesem Video erleben Sie das Orchester und die berückende Stimme von Gabi Beckenbach beim „Frühling in Sorrent“.

LINK:       http://www.youtube.com/watch?v=MQ5Qzs91Ji8

 

Wenn Sie eine Möglichkeit haben, dieses Orchester live zu erleben, dann tun Sie es: es ist das letzte seiner Art weit und breit.

 

 

 

1.2 „MAN HÖRET ES BALD, WO SIE EIN GELAG HABEN“: DIE BERGMANNSZITHER

 

Wenn wir in alten Schilderungen lesen, der Bergmann habe die “Bergmannszither“ gespielt, dann sehen wir ihn vielleicht schon vor unserem geistigen Auge: den Kumpel, der nach der Schicht im Kreise seiner Lieben sich wie Anton Karas über die auf dem Tisch liegende Zither beugt und die Melodie aus dem „Dritten Mann“ spielt.

                                                                                                                Bergmann mit einer Zister, der „Bergmannszither“

                                                                                                      Darstellung auf einem Humpen, (aus: Slotta/Bartels: Meisterwerke bergbaulicher Kunst)

 

Gewiß, ein idyllisches Bild…Bloß, bei der Bergmannszither handelt es sich gar nicht um das Instrument, das wir heute als Zither kennen. Auch wenn es lange ebenso Zither genannt wurde, so ist sein eigentlicher Name „Zister“, und es sieht eher wie eine Laute aus, von der es tatsächlich auch abstammt. Man kennt die Zister bereits seit dem 11. Jahrhundert, doch ihre große Zeit kam mit der Renaissance, und vom 17. Jahrhundert bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war sie als „Bergmannszither“ das beliebteste Instrument der Bergleute vor allem in Thüringen, im Erzgebirge und im Harz. Sie diente als Melodie- und Rhythmusinstrument und wurde stets zur Liedbegleitung verwandt. Wie es ein zeitgenössischer Chronist vermerkt: „Wenn die Bergleute eines uff der Zither geschlagen, so fangen sie auch ihre Bergreihen (=Bergmannslieder) an.“ Gespielt wurde die Bergmannszither nicht mit den Fingerkuppen, sondern mit einem Federkiel, und da sie über Metallsaiten verfügt, besitzt die Zister eine klare und markante Klangfarbe.

Vor allem aber: sie ist auch laut genug! Denn die Chronisten lassen uns nicht im Zweifel über den Charakter solcher bergmännischer Zusammenkünfte, die auch einem Breughel-Bild entstammen könnten: „Man höret es bald, wo sie ein Gelag haben. Denn sie können nicht schweigen, sondern sie rufen laut und machen ein stark Getöne. Das Maul muß aufgetan und ja wohl aus allen Kräften gesungen sein, daß man es weit genug hören kann.“ Auf vielen Abbildungen sehen wir sogenannte Bergsänger, die solche Zistern schlagen. Diese Bergsänger waren zum Teil ortsansässige Bergleute, mitunter zogen sie aber auch über Land, nicht zuletzt auch, um das karge Einkommen aufzubessern, wenn Gruben keine Ausbeute mehr lieferten. Die große Beliebtheit der Bergmannszithern rührt auch daher, daß den Bergleuten lange Zeit das Spielen manch anderer Instrumente behördlicherseits untersagt war.

Bis ins 19. Jahrhundert blieb die Zister im mitteldeutschen Raum das Bergmannsinstrument schlechthin, und die G-Dur-Stimmung war sogar als „Bergmannsstimmung“ bekannt. Heinrich Heine erwähnt die Zister in seiner „Harzreise“, und Gustav Schilling vermerkt 1838 in seiner Enzyklopädie ein wenig idyllisierend: „Dem Bergmann auf dem Harz ist die Zither ein fast unentbehrliches Gut. Steigt er abends aus dem Schacht (…), so greift er zur Zither und spielt sich ein lustig Lied, in dem er nicht die Qualen, sondern nur die Freuden des Lebens besingt.“ Aber schon zwei Jahrzehnte später war die Zister von der Gitarre weitgehend verdrängt worden. Und sie war schon fast vergessen, als der Wandervogel sie Anfang des 20. Jahrhunderts wiederentdeckte. Heute ist sie ein wieder häufiger gesehenes Instrument in der Folk Musik und auf den Mittelalterfesten. In das Bergmannsmilieu und in den Bergmannsgesang hat sie aber leider nie mehr zurückgefunden.

Wie aber klingt denn nun eine Bergmannszither? Der norddeutsche Folksänger und Instrumentalist Wolf Rüdiger Wiedermann demonstriert es hier. Und das Lied „Lustig, lustig, Ihr lieben Brüder, leget all Eure Arbeit nieder und trinkt dafür ein gut Glas Wein“ wäre sicherlich ganz nach dem Herzen der alten Bergleute gewesen, denn wie sagt der Chronist „Es ist den Bergleuten ein freies und lustiges Gemüt gleichsam angeboren.“

LINK          http://www.youtube.com/watch?v=1ZBHSrdgfNc

(Mit Dank an das Instrumentenmuseum Leipzig!)

 

 

1.3. „GESANG UND SAITENSPIEL“:HUMMEL UND FUMMEL

 

Von einem „hervorstechenden Hang zu Gesang und Saitenspiel“ bei den Bergleuten berichtet ein Reisebericht im 19. Jahrhundert. Und in der Tat, neben Saiteninstrumenten wie Zister, Fiedel, Geige oder später der Gitarre gab es z.B. auch noch die „Hummel“ und die „Fummel“, besser bekannt als Scheitholt und Hackbrett.

Die Hummel ist ein Vorläufer der Zither (und insofern hatten alle, die im vorhergehenden Artikel tatsächlich an den „Dritten Mann“ dachten, doch nicht so ganz unrecht!). Ihr zweiter Name „Scheitholt“ gibt schon einen Hinweis darauf, warum sie so beliebt war. Der Bergmann nahm einfach ein Vierkantholz, höhlte es aus, und fertig war der Resonanzkörper. Über das Schalloch wurden die Saiten gespannt, und schon konnte er zu spielen beginnen, denn in den Grundfertigkeiten ist das Spielen einer Hummel leicht zu erlernen. Kein Wunder also, daß mancher auf diese „Harfe des gemeinen Volkes“ herabsah. Michael Praetorius charakterisierte sie 1619 als „billich unter den Lumpen Instrumenta“ und ein Zeitgenosse sah in ihr nur ein Instrument „in den Händen des unmusikalischen Volkes“. In Wirklichkeit besitzt die Hummel einen bestechend schönen Klang. Sie eignet sich als Soloinstrument, aber eben auch zur Gesangsbegleitung, und nicht zuletzt spielte mancher Knappe damit zum Tanze auf.

 


                                                   Der Instrumentenbauer Wilfried Ulrich zeigt hier, wie man die Hummel damals spielte: mit einem Federkiel. (Photo: ulricus-instrumentenbau.de)

 

Mit deutschen Bergleuten gelangte die Hummel auch in die Vogesen, wo sie bis heute als „Epinette des Vosges“ gespielt wird. In Deutschland wurde sie dann aber seit 1900 auch im Bergmannsmilieu zunehmend vom Akkordion verdrängt. Dafür trat sie in einem anderen Teil einen beispiellosen Siegeszug an. Deutsche Bergleute, die nach Nordamerika auswanderten, nahmen selbstverständlich ihre Hummel mit. Schnell wurde sie in den Kohlerevieren Pennsylvanias heimisch und verbreitete sich von dort auch in die Kohlereviere der Appalachen. Als „Mountain Dulcimer“ oder auch „Appalachian Dulcimer“ ist sie für diese bis heute bedeutenden Bergbaugegenden der USA das typische Instrument geblieben.

 

In Deutschland sind es Instrumentenbauer wie Wilfried Ulrich, die dafür sorgen, daß die Hummel nicht aussterben wird. Übrigens ist seine Website bergmännisch ausgedrückt „eine wahre Fundgrube".

LINK:      http://www.ulrich-instrumente.de/


Dort verrät Ulrich übrigens auch, wie die Hummel zu ihrem poetischen Namen kam: es waren die beim Spiel stets mitschwingenden Begleitsaiten, die mit ihrem dunklen, warmen Ton die Lauschenden an das Summen einer Hummel erinnerten!

 

Und so mag es sich angehört haben, wenn vor hundert Jahren ein Bergmann seine Lieder zur Hummel sang (…wenn man mal davon absieht, daß Wilfried Ulrich besser spielt und schöner singt!)

LINK:      http://www.youtube.com/watch?v=dzLqq2W_wbs

 

 

Sehr viel skurriler als die Hummel war die Nagelgeige, schon weil sie gar keine Geige war! Auch sie war für einen Bergmann schnell und leicht selber herzustellen, denn im Grunde war sie nichts anderes als ein Holzkasten , der als Resonanzboden diente und in den man verschieden dicke und lange Nägel eingeschlagen hatte. Strich man nun mit einem Geigenbogen an den Nägeln entlang (auch ein Anschlagen mit den Fingern mag gereicht haben), entstanden klare, durchdringende Töne. Der Legende nach soll um 1740 Johann Wilde die Idee zur Nagelgeige gekommen sein, als er seinen Geigenbogen an einen Nagel aufhängen wollte und dabei einen Ton erzeugte. Natürlich war die Nagelgeige in ihren musikalischen Möglichkeiten begrenzter als viele andere Saiteninstrumente, aber sie war eben robust und taugte als Gesangsbegleitung.



                                                                    Photo: Der badische Musikwissenschaftler und Multiinstrumentalist Franz Schüssele spielt eine Nagelgeige

 

Während die Nagelgeige nur noch eine exotische Fußnote in der Geschichte der bergmännischen Musik ist, so ist das folgende Instrument bis heute quicklebendig. Der Bergmann nannte es Fummel, wir kennen es wohl eher als „Hackbrett“: ein in der Regel trapezförmiges Instrument, bei dem die Saiten mit Hämmerchen oder Klöppeln angeschlagen werden. Ein Reiseschriftsteller des 19. Jahrhunderts vermerkt: „In den meisten Hütten der Bergleute fand ich eine Zither, ein Hackbrett oder eine Geige. Man sah ihnen ihre Freudigkeit an, wenn sie ihre alten heimischen Lieder sangen.“

Das Hackbrett war schon im Hochmittelalter bekannt, und vor allem in der alpenländischen Musik ist es bis heute ein typisches Instrument. Ähnlich wie die Hummel ist übrigens auch das Hackbrett mit deutschen Auswanderern in die Vereinigten Staaten gelangt, ebenfalls wieder in die Kohlereviere Pennsylvanias und Kentuckys, wo es als „Hammered Dulcimer“ bekannt wurde. Und von dort kehrte es mit der Folk Music wieder in seine alte europäische Heimat zurück.

Hier sehen wir die amerikanische Virtuosin Jessica Burri, die die Dulcimer wieder in ein altes deutsches Bergbaurevier zurückbrachte, denn sie lebt und arbeitet schon seit Jahren im Ruhrgebiet.


 

Den betörenden Klang des Hackbretts erleben Sie hier      LINK:         http://www.youtube.com/watch?v=t0hCIhBZu_U

 

 

1.4. „AUF DEM ARSCHLEDER“: GEZÄHE IN DER MUSIK

Was tat ein sangesfreudiger Bergmann, der nun einmal nicht seine Zister oder Gitarre, seine Klarinette oder Flöte (…vom Bandonion wollen wir hier gar nicht erst reden!) mit nach untertage nehmen konnte? Er nahm als Gesangsbegleitung sein Werkzeug zu Hilfe.

So sehen wir auf erstaunlich vielen Darstellungen Bergleute, die ein eigentlich sehr unscheinbares Instrument in der Hand halten: die Triangel.


 

Gewiß, die Triangel hat einen durchaus angenehmen Klang, laut genug ist sie auch, und in der Orff-Musik hat sie ihren festen Platz. Aber gilt der Triangelspieler nicht als der musikalisch Minderbemittelte in einem Orchester: so eine Art musizierende Witzfigur? Warum also die Triangel-Tradition gerade im Bergbau? Die Antwort ist sehr einfach: Dieses metallene Dreieck war für ihn zunächst einmal gar kein Musikinstrument, sondern war„Gezähe“ (=Werkzeug), gehörte also zu seiner Arbeitswelt. Die Triangel diente ihm als Meßinstrument, und deshalb führte er sie stets an seinem Gürtel mit sich. Zudem war sie aufgrund ihres hellen, durchdringenden Klangs auch ein Signalinstrument. Anfang und Ende der Schicht wurde in vielen Bergwerken mit der Triangel eingeläutet, und ebenso fungierte sie als Warninstrument bei drohender Gefahr.

Es konnte aber auch sein, daß der Bergknappe zu Schlägel und Eisen (=Hammer und Meißel) griff, sie gegeneinander schlug … und schon hatte er ein Rhythmusinstrument. Und mit anderen Metallgegenständen untertage ließen sich schließlich sogar Klangfolgen schlagen.

 

Doch das urigste „Instrument“, von dem uns die Chronisten bereits seit dem 17. Jahrhundert erzählen, ist zweifellos das Arschleder des Bergmannes: jenes grobe Lederstück, das er als Gesäßschutz umgeschnallt hatte. Er rollte es wie einen Trichter zusammen und „blies“ darauf. Nun mag das Arschleder schon hart an der Grenze zu einem Scherzinstrument gewesen sein, doch zeigen diese kurzen Beispiele auch, wie findig und phantasiereich Bergleute sind. Und das gilt heute genauso wie vor hunderten von Jahren. Wenn Sie improvisieren müssen – holen Sie sich einen Bergmann zu Hilfe!

 

 

 

1.5. „STRASSE FREI!“: DIE SCHALMEI

Die Schalmei ist ein Paradox. Sie gilt als das traditionelle Musikinstrument der organisierten deutschen Arbeiter- und Bergmannsbewegung, und dabei ist sie historisch gesehen doch ein ganz junges Instrument, gerade einmal hundert Jahre alt. Mit der hölzernen Hirtenschalmei und mit deren „süßen Schalmeientönen“ hat unsere Schalmei nur den Namen gemein. Sie wurde von dem thüringischen Unternehmer Max Bernhard Martin erst Anfang des 20. Jahrhunderts als „Martinstrompete“ entwickelt, und sie stammt von Signalhörnern und von der frühen Autohupe ab. Sie ist auch eine direkte Verwandte des ebenfalls von Martin erfundenen Martinshornes! Und im Bergbau bläst der „Schießmeister“ (=Sprengmeister) untertage in ein ganz ähnliches Warnhorn, kurz bevor er eine Sprengladung zündet.



Da jedes Horn nur einen Ton hervorbringt, faßte Martin mehrere Hörner zu einem Instrument zusammen, auf dem man mit Hilfe von Ventilen Melodien oder Akkorde spielen kann. Die Schalmei ist bis heute ein sehr deutsches Instrument geblieben, denn in anderen Ländern wird man sie vergeblich suchen. Vor allem in der Weimarer Republik wurde die Schalmei zu einem politischen und polarisierenden Instrument. Schalmeienkapellen waren das Kennzeichen der linken, aber eben auch der linksextremistischen Arbeiter- und Bergmannsbewegung, was verständlicherweise und auch bedauerlicherweise dazu führte, daß dieses so originelle Instrument in anderen Bevölkerungskreisen (z.B. in der christlichen Arbeiterbewegung oder im Bürgertum) kaum verbreitet war.

Dabei lagen die Vorzüge der Schalmei klar auf der Hand: sie war im Vergleich zu anderen Blasinstrumenten günstiger in der Anschaffung und leichter zu erlernen. Und anders als bei Trompeten oder Posaunen ist auch keine besondere Blastechnik erforderlich: man bläst in eine Schalmei genauso wie in eine Mundharmonika. Ihr etwas näselnder und durchdringender Klang trägt weit unter freiem Himmel und eignet sich natürlich nicht für Bergmannsidyll und beschauliche Feierabendstimmung, sehr wohl aber für Aufmärsche und Kundgebungen. In der Weimarer Republik signalisierte die Schalmei ähnlich wie das Martinshorn: „Straße frei, wir kommen!“

Die Schalmei hat in den letzten Jahren eine erfreuliche Renaissance erlebt. Hinzu kommt, daß sie als Instrument immer weiterentwickelt worden ist, so daß heutige Kapellen ein sehr breit gefächertes Repertoire vorweisen können. Ein Wermutstropfen: sie ist leider nie mehr in das bergmännische Milieu zurückgekehrt, wenn man von einer sehr erfreulichen Ausnahme absieht. Das Schalmeienkorps „Glückauf“ Heerlen führt mit vielen jungen Musikern die bergmännische Schalmeientradition in der benachbarten niederländischen Privinz Limburg fort (Sie sehen das Korps in unserer Rubrik „Empfehlenswert“!).

Das klassenkämpferische und kommunistische „Image“ (für das die arme Schalmei ja ohnehin nichts konnte!) hat sie zum Glück längst verloren, im Westen bereits vor Jahrzehnten und im Osten spätestens mit dem Untergang der DDR. Wenn sich heute eine Schalmeienkapelle nähert, dann hat das nichts mehr mit Agitation und Straßenschlacht zu tun, sondern mit purer Spiel- und Lebensfreude, und so ist sie im z.B. Schwäbischen bezeichnenderweise zum Inbegriff der Fastnachtsmusik geworden. Die Botschaft lautet nicht mehr „Weg da, wir kommen!“, sondern „Kommt her, wir spielen!“. So ist diesem urigen Instrument neues Leben geschenkt worden.

 

Hier hören wir den Bergmannsmarsch „Glück auf, der Steiger kommt“, im Juni 2012 von mehr als 800 (!) Schalmeien beim größten deutschen Schalmeientreffen in Plodda (Sachsen-Anhalt) gespielt.

LINK:        http://www.youtube.com/watch?v=14o0oRfJ_T0

 

Und hier sehen wir eine der wohl spektakulärsten deutschen Schalmeienkapellen. Die Vollmershainer Schalmeien aus Thüringen zeigen, wie zeitlos ein traditionelles Instrument ist…und wie man mal eben den Saal zum Kochen bringt!

LINK:        http://www.youtube.com/watch?v=4gqwk0dgttk

 

 

 

1.6. „DIE ALPHÖRNER DES BERGMANNES“: DIE RUSSISCHEN HÖRNER

Doch wenn Sie Schalmeien schon urig finden, dann sollten Sie erst einmal die Russischen Hörner erleben, sie sind gewissermaßen die Alphörner des Bergmanns. Sie kommen in der Tat aus Rußland, wurden dort wohl im 18. Jahrhundert als Musikinstrument entwickelt und stammen von Jagd- und Signalhörnern ab. Als deutsche Bergbeamte russische „Hornchöre“ (so nannte man dieses Kapellen) im Konzert am St. Petersburger Zarenhof erlebten, waren sie von diesen Instrumenten so begeistert, daß sie Russische Hörner auch in die deutsche Bergmannsmusik einführten. Der Erneuerer des sächsischen Bergbaus und große Förderer der Bergmannskultur, der Freiberger Berghauptmann August von Herder, ließ in den frühen 1820er Jahren solche Hörner bauen für das neu aufgestellte Freiberger Bergmusikkorps. Und so wurde die Russischen Hörner zu einem Musikinstrument des deutschen Bergbaus, das allerdings bis auf den heutigen Tag nur im Erzgebirge gespielt wird!

Russische Hörner sind aus Messing oder Kupfer gefertigt, und ihre jeweilige Tonhöhe hängt ab von der Größe des Hornes, seiner Form und der Dicke des Metalls. Genau wie das Horn einer Schalmei bringt auch ein Russisches Horn jeweils nur einen einzigen Ton hervor. Um eine Melodie innerhalb einer Oktave spielen zu können, benötigt man also 8 Musiker! Der Vorteil: bei einer solchen Besetzung mußte nur der Dirigent Noten lesen können. Er brauchte dann nur auf den jeweiligen Musiker zu deuten, der dann folgsam in sein Horn blies, was z.B. den Komponisten Louis Spohr dazu brachte, über „lebende Orgelpfeifen“ zu spotten. Doch schnell wurde dieses Spiel verfeinert. Man baute Hörner, die auch Halbtöne hervorbrachten, spielte zunehmend mehrstimmige, anspruchsvolle Stücke, und auch die Arrangements wurden komplizierter. Hornkapellen konnten aus dutzenden von Musikern bestehen, und ein Musiker mußte vielleicht auch mehr als nur ein Horn spielen. Das machte eine intensive Probenarbeit und viel „Drill“ erforderlich, kurzum: mannschaftliche Geschlossenheit war unabdingbar. Insofern hat das Russische Horn in der Tat etwas sehr Bergmännisches an sich: es ist kein Instrument, auf dem der Solist glänzen kann, sondern kommt nur als Mannschaftsinstrument zum Tragen. Kein Wunder, daß man von diesem Instrument nur im Plural spricht!

 

Schon sehr früh entstanden die ersten bergmännischen Musikstücke, die eigens für Russische Hörner geschrieben wurden. So komponierte der Freiberger Stadtkantor August Ferdinand Anacker u.a. zwölf Bergmännische Parademärsche und schuf 1832 das Singspiel „Der Bergmannsgruß“, das heute wieder aufgeführt wird. Über die Jahrzehnte wurde das Russische Horn aber immer mehr von Ventilinstrumenten verdrängt, fristete in einigen Dörfern noch ein Schattendasein als Instrument zum Weihnachtlichen Turmblasen, um dann nach dem Ersten Weltkrieg als reines Museumsexponat fast völlig in Vergessenheit zu geraten. Erst das verdienstvolle Erzgebirgsensemble Aue entdeckte in den 1960er Jahren die Russischen Hörner neu. Der Zusammenbruch des Kommunismus brachte auch für die Russischen Hörner eine erfreuliche Wende. Sowohl in Rußland wie in Deutschland werden sie wieder gebaut, und in beiden Ländern gibt es wieder Hornensembles. Heute sind die Russischen Hörner wieder fester Bestandteil der Bergmannskultur in Sachsen, und gleich drei Ensembles sind stolz, sie ihren Zuhörern zu präsentieren: neben dem erwähnten Erzgebirgsensemble Aue ist es die Bergkapelle Oelsnitz und der musikalische Nachfahr von Herders Freiberger Bergmusikkorps: das 1992 gegründete Freiberger Bergmusikkorps „Saxonia“.

 

Und Sie wollen endlich wissen, wie sie klingen? Hier sehen und hören Sie Russische Hörner des Erzgebirgsensembles Aue

LINK:          http://www.youtube.com/watch?v=DaetqHLYMZ8



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 DIE BERGMÄNNLEIN

 

SCHACHT 3 BELEBT EINE ALTE BERGMANNSÜBERLIEFERUNG NEU

                                    

                                       



Als im Dezember 2010 anläßlich des Weihnachtsmarktes erstmals die „Hückelhovener Weihnachtsparade“ stattfand, wird mancher unter den tausenden Zuschauern am Wegesrand sich verwundert gefragt haben, als er die Fußgruppe des Fördervereins Schacht 3 sah: „Warum kommen da Gartenzwerge?“. Nein, als Gartenzwerge hatten sich die Belegschaftsmitglieder nicht verkleidet, sondern als „Grubenzwerge“, und damit nahmen sie Bezug auf den alten Glauben der Bergleute an die sogenannten Bergmännlein. Aber dennoch, so ganz unrecht hätten die Betrachter nicht gehabt, denn auf eben jene gnomenhaften Bergmännlein gehen auch die Gartenzwerge zurück. In unsere Gärten kamen sie erst im 19. Jahrhundert. Vorher lebten sie untertage, denn ihre eigentliche Heimat ist das Bergwerk!

 

Über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende haben Bergleute vieler Nationen an die Existenz von Geistern geglaubt – der hierzulande wohl bekannteste Berggeist ist der schlesische Rübezahl. Eine besondere Stellung nehmen unter den Berggeistern aber die Grubenzwerge ein, die untertage in Höhlen und in Grotten leben, in Stollen und Bergwerken. Sie sind Hüter verborgener Schätze, sie arbeiten in Grubenbauen oder schleppen Säcke mit Edelsteinen. Bergleute haben in diesen Kobolden stets reale Gefährten untertage gesehen - mit einem durchaus schillernden Charakter. Sie trieben Schabernack mit den Bergleuten, foppten und ärgerten sie mitunter, versteckten das Werkzeug oder bliesen auch schon mal das Grubenlicht aus. Aber durchweg waren sie hilfsbereit und gefällig, oder sie bewährten sich als Retter in der Not. Sie bewegen sich ihrer Natur nach also zwischen „Untertage-Pumuckeln“ und „Untertage-Heinzelmännchen“.





                                       

Hier sehen wir einen Grubenzwerg untertage bei der Arbeit. Er wirkt noch recht jugendlich und hat wohl deshalb noch keinen Bart. Die Künstlerin Marianne Böck-Hartmann hat ihn bei der Arbeit beobachtet und gemalt. (Die Abbildung stammt aus dem wunderbaren Kinderbuch „Zehn kleine Heinzelmännchen“ mit den Versen von Felicitas Kuhn, erschienen im Pestalozzi-Verlag. Wir danken dem Verlag Vemag-Medien, Köln für die Abdruckerlaubnis.)

 

Der aufgeklärte Mensch des 21. Jahrhunderts mag den Kopf schütteln und sich fragen, wie es nur zu einem solchen „Aberglauben“ kommen konnte. Aber unser überlegenes Lächeln wird sich schnell verflüchtigen, wenn wir nur an die Arbeitsbedingungen z.B. in der frühen Neuzeit denken. Auf glitschigen Leitern (den sogenannten „Fahrten“) oder an Seilen hängend ging es für die Bergleute im Schacht in die Tiefe. Dort unten umgab sie eine fast völlige Dunkelheit. Die Ölfunzeln, die ohnehin kaum Licht gaben, konnten jederzeit von einem Luftzug ausgeblasen werden. Der Berg gab unheimliche Geräusche von sich, Holzstempel ächzten, und Gestein rutschte nach. Grubenbaue konnten jederzeit einstürzen, Wasser tropfte allenthalben oder konnte sogar unversehens in großen Mengen in die Grube strömen. Und Erzadern, die eben noch reiche Ausbeute versprachen, waren mit einem Mal wie durch Zauberhand versiegt.

 

Kein Wunder, daß die Bergleute glaubten, in diesen unwirtlichen Grubenbauen nicht alleine zu sein und daß dort eben auch Berggeister tätig seien. Der Universalgelehrte Georgius Agricola, der „Vater der Mineralogie“, von dem wir so vieles über den historischen Bergbau wissen, beschreibt sie in seinen Werken des 16. Jahrhunderts deshalb auch als reale Wesen, die äußerlich den damaligen Bergleuten glichen, eben nur mit dem Unterschied, daß sie viel kleiner seien als diese. Sie seien zwergenhaft, drei Spannen nur groß, bärtig, und sie trügen genau wie die Bergleute ein gerafftes Wams, Arschleder und Kapuze. Denn was wir bei einem Gartenzwerg fälschlicherweise als Zipfelmütze bezeichnen, ist ursprünglich eine sogenannte Gugel, eine spitz zulaufende Kapuze, die bis auf die Schultern hinunterreicht, vergleichbar der Kapuze, wie manche Mönchsorden sie tragen. Diese Gugel schützte den Träger leidlich vor tropfendem Wasser und vor kleineren, herabfallenden Steinen, vor allem, wenn man sie auch noch z.B. mit Stroh ausstopfte. Und der Bergmann wußte auch sofort, daß es galt, den Kopf einzuziehen, wenn er mit der Gugelspitze gegen ein Hindernis stieß.

                                                                                                         


 Zwei Detailabbildungen von Bergmännlein aus einem Notgeldschein von 1921 des Kreises Ballenstedt (Sachsen-Anhalt). Entnommen dem Kalender „Bergbau auf deutschem Notgeld 2011“ aus der sehr empfehlenswerten Edition bergbaukalender.de.

 

 

Diese kleinen Gesellen hatten auch eine Disziplinierungsaufgabe. Bergsagen berichten davon, daß sie ausbeuterische Grubenbesitzer bestraften, sie wachten darüber, daß die Bergleute korrekt arbeiteten und keinen „Raubbau“ betrieben, sie achteten darauf, daß die Feiertage eingehalten wurden, und nicht zuletzt ahndeten sie das Fluchen und Pfeifen untertage, durch das der Teufel angelockt würde.

Sie halfen den Bergleuten aber auch, warnten sie vor drohendem Ungemach oder einstürzenden Stollen und zeigten ihnen reiche Lagerstätten. Manche Sagen berichten sogar von Zauberspiegeln, mit denen sie Erzvorkommen erkennen konnten. Bereits das Auftreten der Bergmännlein verhieß den Bergleuten häufig Glück und gute Ausbeute. Die Bergmännlein gab es keineswegs nur im deutschen Sprachraum, wo man sie je nach Revier z.B. als Gruben- oder Bergzwerg, Stollengeist, Bergmannel, Knappenmandl, Guttel oder Kohlemännchen bezeichnete. In Frankreich und Belgien waren diese Kobolde als Vieux Garcon oder als Petit Mineur bekannt, in Böhmen traten sie den Bergleuten als Dulni Duch (Berggeist) oder Permonik (Bergmännlein) entgegen, und russische Bergleute sahen in ihnen den Subin (Greis), während sie in Polen als Skarbnik (Schatzmeister) fungierten.

 

In den Zinngruben Cornwalls kannte man sie als Knockers, also als Pocher oder Klopfer. Ihnen schrieb man zu, daß sie durch ihr Pochen die Bergleute vor dem Einstürzen von Grubenbauen warnten. Die Bergleute wiederum revanchierten sich damit, daß sie Reste ihrer Speisen, die bekannten „Cornish Pasties“ (eine Teigpastete), als Dank für die Kobolde zurückließen. Ähnliches wissen wir aus Bergwerken im Salzburger Land, wo die Bergleute den Bergmännlein am Barbaratag etwas von ihren Barbarabroten (ein Pfefferkuchengebäck) abgaben. Andernorts durfte es für die Bergmännlein schon mal etwas herzhafter sein: in Sibirien kannte man ihre Vorliebe für Wodka und Tabak!

 

Mit cornishen Bergleuten, die in die Vereinigten Staaten auswanderten, wo sie als gute Bergleute sehr gefragt waren, gelangte der Glaube an die Knockers auch in die Grubenfelder Kaliforniens oder Pennsylvanias, wo man sie ihrer Herkunft entsprechend als „Tommyknockers“ bezeichnete. Es ist überliefert, daß neu angeworbene Bergleute sich so lange weigerten, in die Grube einzufahren, bis die Bergwerkseigner ihnen offiziell zusicherten, daß die Tommyknockers bereits untertage tätig seien. Und noch 1956(!) kam es bei der Schließung einer Grube in Kalifornien zu Protesten und Unterschriftensammlungen bei den Nachfahren cornisher Bergleute, bis die Grubenleitung einlenkte und einen Stollen offenließ, der es den Knockers ermöglichte, das Bergwerk zu verlassen.

 

Manchem Bergmann haben die Bergmännlein geholfen, z.B. indem sie mit anpackten, um einem armen Bergmann zu einem besseren Lohn zu verhelfen. Eine der letzten Sichtungen eines Bergmännleins hier im Dreiländereck wird von der niederländischen Grube Emma im frühen 20. Jahrhundert berichtet, als ein junger Knappe drei Tage von einem Bergmännlein mitgenommen wurde, das ihm neue Kohlevorkommen zeigte!


 

Die deutsche Sprache verdankt diesen Untertage-Schelmen einige Begriffe. Die Bergleute glaubten nämlich, die Bergmännlein würden aus purer Lust am Schabernack wertlose Metalle oder Gesteine herbeizaubern.

 

Traf ein Bergmann ein solchermaßen wertloses Mineral an, so hat er wohl geflucht: „Das hat bestimmt der vermaledeite Kobold dorthin getan!“ Und so erhielt das Mineral seinen Namen, denn aus Kobold wurde Kobalt – das man erst viel später zur Farbenherstellung brauchen sollte.

 

Fand der geplagte Bergmann ein für ihn wertloses Gestein vor, da hat er es ebenfalls dem Schabernack treibenden Zwerg zugeschrieben, den man damals noch „Querg“ nannte: und so kam der Quarz zu seinem Namen.

Und für das Vorkommen eines damals noch wertlosen Metalls sollte ein Bergmännlein mit Namen „Nickel“ verantwortlich sein, und so heißt das Metall noch heute Nickel.

 

Übrigens: das Bergwerk Sophia-Jacoba war der letzte Ort, an dem im 20. Jahrhundert noch Bergmännlein gesehen wurden, wie auf diesen Photos unzweifelhaft dokumentiert ist. Als am 23. Juni 1954 der erste Spatenstich für Schacht 5 gemacht wurde, tauchten sie mit ihrem Zwergenkönig unverhofft auf, um dem damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden Jan Marius Fentener van Vlissingen zur Hand zu gehen. Er wiederum rief ihnen zu, sie sollten doch bitte für gute Kohlevorkommen sorgen. Damit nahm er Bezug auf den alten Glauben der Bergleute, Bergmännlein hätten Einfluß auf das Vorhandensein (oder eben auf das Nichtvorhandensein) von Bodenschätzen.

                                                                                                                                                                 

Die Männer und Frauen der Belegschaft haben also allen Grund, stolz zu sein, daß sie an diese Überlieferung jetzt wieder anknüpfen. Die Kostüme wurden in liebevoller Handarbeit von einem Mitglied unserer Belegschaft, Frau Eva Maria Frenken, geschneidert. Und „Schacht 3“ hat seit der Weihnachtsparade ein neues „Markenzeichen“.

                                                                                                                                      




                                   

Gesehen am 11. April 2011 an Schacht 3! Diese beiden Zwerge sind eindeutig als Bergmännlein zu identifizieren: sie tragen eine Grubenlampe und eine Keilhaue (bergmännische Spitzhacke).

 

Und Sie liebe Leser? Wenn Sie das nächste Mal einem Gartenzwerg begegnen, dann rümpfen Sie nicht die Nase über ihn als „Symbol deutscher Kleinbürgerlichkeit“ oder als „Inbegriff spießiger Kleingärtneridylle“. Auch wenn wir sie heute nur noch übertage antreffen, so haben sie als Gefährten und Helfer unserer Altvorderen eine große und stolze Vergangenheit.

 

Doch sollte es heute wirklich keine Berggeister mehr geben? Unser Vereinsmitglied Rainer Martiensen besuchte unlängst ein Bergwerk. Auf die Frage, ob es denn in dieser Grube noch Berggeister gebe, antwortete der Führer:

 

„Berggeister? Nein, die gibt es hier ganz bestimmt nicht.

Ich müßte es doch wissen, denn schließlich bin ich schon 5000 Jahre hier!“  

 

Übrigens, die liebevoll gemalten Bilder, auf denen wir die Bergmännlein bei der Arbeit sehen, sind dem wunderschönen Buch „Berggeschrei im Weihnachtsland“ von Helga und Hansgeorg Meyer. entnommen. Erschienen ist es im Chemnitzer Verlag, dem wir herzlich für die Abdruckerlaubnis danken. Die Bilder stammen von der sächsischen Künstlerin Linde Detlefsen.

 

                                                                                                                                                    






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WAS IST EIGENTLICH EIN GLÄSERNER SCHACHT?

 

In unserer Heimat, dem Rhein- und Maasland, gilt oft der Grundsatz: „Beim ersten Mal ist es noch neu, beim zweiten Mal schon Brauchtum und beim dritten Mal bereits Tradition“. Wundern Sie sich also nicht, daß der „Gläserne Schacht“, den wir 2010 zum ersten Mal vergeben haben, von uns bereits in der Rubrik „Tradition und Brauchtum“ behandelt wird. Schließlich haben auch alte Traditionen einmal jung begonnen.

 

Wir haben allen Grund dankbar zu sein:

-         unsere Belegschaft zählt fast 100 Aktive;

-         unser Verein hat mehr als 1000 Mitglieder;

-         wir haben viele Freunde, die unsere Arbeit mit Sympathie begleiten.

 

Zudem hat es immer wieder ganz besondere Menschen gegeben, die uns in ganz besonderer Weise geholfen haben und denen wir eben auch in ganz besonderer Weise Dank sagen wollen. Deshalb schufen wir unseren Ehrenpreis, den „Gläsernen Schacht“: einen Glasquader, in den ein Bild von Schacht 3 eingeschliffen ist.

  

 

 

„ZUKUNFT BRAUCHT HERKUNFT“: Minister LUTZ LIENENKÄMPER

 




 

Ein solch besonderer Mensch ist der damalige Minister für Städtebau und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalens, Lutz Lienenkämper MdL. Als die „Stiftung Industriedenkmalpflege“ 2009 beschloß, Schacht 3 nicht mehr länger in der Stiftung  zu belassen, stürzte uns dies in Verzweiflung. Sollten all die vielen Jahre, die Opfer, das ehrenamtliche Engagement und die ungezählten Arbeitsstunden vergebens gewesen sein? Denn bei allem Fleiß - die Mittel, die der Erhalt eines solchen Industriedenkmals benötigt, hätten wir niemals aus eigener Kraft aufbringen können.

 

In dieser Situation fanden wir in dem neuen Kuratoriumsvorsitzenden Lutz Lienenkämper einen Fürsprecher. Wir haben es ihm zu verdanken, daß die Entscheidung revidiert wurde, und so war es mit großer Dankbarkeit, daß wir ihm in einer Feierstunde 2010 im festlich erleuchteten Barbarastollen unseren neugeschaffenen Ehrenpreis verleihen durften.

 

Lutz Lienenkämper liegt die historische Bausubstanz unseres Landes ganz besonders am Herzen. Zudem hat für ihn der Begriff der „Heimat“ stets eine besondere Rolle gespielt. Heimat gibt den Menschen Verwurzelung, schafft eine unverwechselbare Identität und bewahrt sie davor, zu austauschbaren Kultur- und Arbeitsnomaden zu werden. Der historische Schacht 3 ist sichtbares und unübersehbares Zeichen unserer Heimat. 

 

„Zukunft braucht Herkunft“ sagte der Minister in seiner Dankesrede, und er sprach allen Aktiven damit aus dem Herzen, denn wie sollen wir wissen, wo wir hingehen, wenn wir nicht einmal  wissen, wo wir herkommen? Wir haben es Lutz Lienenkämper zu verdanken, daß Belegschaft und Förderverein jetzt wieder hoffnungsfroh in die Zukunft schauen können und weiterhin mit Elan und Phantasie an Erhalt und Ausbau von Schacht 3 arbeiten können.


Wenn bei den Männern und Frauen vom Schacht von „dem Minister“ oder gar von „unserem Minister“ die Rede ist, dann wird auch in Zukunft Lutz Lienenkämper gemeint sein, ganz unabhängig von zufälligen Mehrheitsverhältnissen und aktuellen Kabinettszusammensetzungen.

„Zukunft braucht Herkunft“ ist zum inoffiziellen Motto des Fördervereins geworden – und wir werden nicht vergessen, von wem wir es zum ersten Mal gehört haben. 



Im Jahr 2014 wurde unser Bürgermeister Bernd Jansen und der Geschäftsführer vom Mediamarkt mit dem gläsernen Schacht ausgezeichnet.

Im Jahr 2015 wurde unsere Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur mit dem gläsernen Schacht ausgezeichnet. Empfangen hat ihn der Geschäftsführer Herr Heinrich


                                                                                

 Im Jahr 2016 wurde Frau Monika Schibbe von der Werbegemeinschaft Hückelhoven und Herr Loogen vom Kultur und Stadtmarketing der Stadt Hückelhoven mit dem gläsernen Schacht ausgezeichnet.





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„ALLES WIE GERITZT“: Bergmännisches im Alltag

 

Daß der Bergmann eine eigene, reichhaltige Berufssprache besitzt, dürfte nicht überraschen. Jedoch wollen wir Sie nicht mit Begriffen von Abschlag bis Zubuße langweilen und verwirren. Doch auch unsere Alltagssprache enthält manches Bergmännische. Kommt Ihnen da nicht einiges bekannt vor?

 

Da hat vielleicht ein Autohersteller viele Autos AUF HALDE liegen, weil er die Absatzflaute nicht vorhergesehen hatte.  >PHOTO 2/600<

Wie sollte er auch, denn VOR DER HACKE IST ES DUSTER. Man weiß eben nie, was die Zukunft bringt, ebensowenig wie der Bergmann, der eben auch nicht weiß, was sich  hinter der „Wand“ verbirgt. Und das, obwohl er sich ja VOR ORT befindet, also an der Stelle des Geschehens.

 

Wenn Sie auf unserer Internetseite, wie wir hoffen, FÜNDIG werden, dann machen Sie es ebenfalls dem Bergmann nach, der auf eine reiche Lagerstätte trifft. Hoffentlich sind Sie mit Ihrer AUSBEUTE zufrieden.

 

Und wenn es bei Ihnen IM GEBÄLK KNISTERT, also ein größerer Streit bevorsteht, dann ist das längst nicht so schlimm wie das, was dem Bergmann in einer solchen Situation bevorstand. Wenn es in den früher mit Holz ausgebauten (= abgestützten) Grubenbauen nämlich im Gebälk knisterte, dann stand dieser Grubenbau möglicherweise kurz vor dem Einsturz. Um das zu verhindern, hatte der Bergmann es sich angewöhnt, AUFS HOLZ ZU KLOPFEN. Am Ton des Holzes konnte er nämlich erkennen, ob das Holz noch in Ordnung war: bei einem dumpfen Ton war das Holz durchnäßt oder gar verrottet.


Wenn der Bergmann mit dem Förderkorb in die Tiefe fährt, nennt er das „Hängen“, und es ist für ihn etwas ganz Alltägliches. Sprechen wir im Alltag hingegen davon, nunmehr sei HÄNGEN IM SCHACHT, dann geht es wirklich bergab, vielleicht ist dann sogar bald SCHICHT IM SCHACHT.



Wieviel schöner ist es doch, wenn ALLES WIE GERITZT IST, also alles in bester Ordnung ist. Als der Bergmann noch mit Schlägel und Eisen arbeitete, also mit Hammer und Stielmeißel, da ritzte er mit einem sogenannten „Ritzeisen“ eine kleine Rille in den Stein, um den Meißel besser ansetzen zu können und so nicht abzurutschen.

Und das Symbol SCHLÄGEL und EISEN steht im Alltag nicht nur für den Bergbau schlechthin, sondern ist auch ein Symbol für den Werktag.


Für den Bergmann war es stets wichtig, „bergmännisch“ zu arbeiten, also korrekt und verantwortungsvoll zu arbeiten oder wie es ein altes Bergmannswörterbuch aus dem 17. Jahrhundert formuliert: „alles wohl zu verwahren und an die Nachkommen zu denken“. Wie gut wäre es, wenn wir uns daran ein Beispiel nähmen, alles wohl verwahrten, stets an die Nachkommen dächten und ebenfalls keinen RAUBBAU BETREIBEN würden – an unserer Gesundheit, an der Natur, am Regenwald…

 

Wenn eine Sache ZUTAGETRITT, also für jedermann sichtbar wird, dann ist das durchaus mit einem Kohleflöz vergleichbar, das z.B. an einer Talwand austritt und mit bloßem Auge zu erkennen ist. Durchweg mußte der Bergmann aber die Bodenschätze mühsam untertage abbauen und dann zutagefördern, ähnlich wie wir z.B. eine wichtige Information ZUTAGEFÖRDERN müssen.

 

Stets hat der Bergmann gewußt, daß „Bergbau nicht nur EINES Mannes Sache“ ist, daß er sich auf seine Kameraden, auf die Gemeinschaft verlassen mußte. Während für uns der KUMPEL umgangssprachlich nur ein netter Kerl ist, so ist er für den Bergmann ungleich mehr. „Kumpel“ ist eine Verkleinerungsform des Wortes Kumpan, das ursprünglich noch

nicht seine leicht abwertende Bedeutung hatte. Gebildet ist es aus den lateinischen Wörtern cum (=mit) und panis (=Brot). Der Bergmann teilt mit seinem Kumpel eben das – womöglich auch letzte – Brot.



Und denken wir heute beim Wort GEWERKSCHAFT vor allem an Industriegewerkschaften, so war damit ursprünglich die Gemeinschaft der Grubeneigner, die „Gewerken“ gemeint, die sich zusammentaten, um so das wirtschaftliche Risiko kalkulierbar zu machen. Auch Sophia-Jacoba trug bis wenige Jahre vor der Schließung noch den Namen „Gewerkschaft Sophia-Jacoba“.


Bei dem Begriff ZECHE mögen wir vielleicht an rotnasige, fröhliche Zecher denken. Auch ein Begriff wie Zechprellerei kommt uns noch in den Sinn. Dabei war die Zeche ursprünglich eine Gruppe von Männern, die sich zusammengefunden hatte, um ein Bergwerk zu betreiben.

 

Natürlich kann es auch da vorgekommen sein, daß man ein Fläschchen aufmachte und IN DIE KANNE STIEG. Dieser heute noch in der Studentensprache geläufige Ausdruck leitet sich von den Bergkannen her: großen, prachtvoll verzierten Trinkgefäßen, die bei Bergfesten reihum gingen. Auf ihrer Innenseite war eine kleine „Fahrte“ (Leiter) angebracht. Jeder der Zecher mußte nun eine Sprosse „hinuntertrinken“, und so „stieg man in die Kanne bis zur Sohle.“

 

Sollten Sie das Glück haben, einen jener wunderbar altmodischen PATERNOSTER-Aufzüge benutzen zu können, dann treffen Sie ebenfalls auf einen Nachfahren des Bergbaus. Das Prinzip, Gefäße wie z.B. Körbe oder Kübel an einer Endloskette aufzureihen, erinnerte die frommen Bergleute an den Rosenkranz, bei dem die Gebetsperlen hintereinander an einer Kette aufgefädelt sind. Nach zehn Ave Maria-Perlen folgt eine Paternoster-Perle, so daß die ersten Rosenkränze auch als Paternosterkränze bekannt waren.


Und wer hätte wohl gedacht, daß einem beim Öffnen der Backofentür ein zumindest mittelbarer Freund aus dem Bergbau entgegenduftet: der GUGELHUPF, also ein Napfkuchen. Da er beim Backen „aufgeht“, also in die Höhe „hupft“, benannte man ihn nach den hohen Kapuzen, den sogenannten Gugeln, die Bergleute früher als Kopfbedeckungen trugen. Ein ganz besonders wohlschmeckender heißt sogar „Bergmannskuchen“!

 

Und wenn Sie wissen wollen, wie QUARZ, NICKEL und KOBALT zu ihrem Namen kamen, dann schauen Sie doch bitte mal in den Artikel über die Bergmännlein.

 

Attestieren wir jemandem einen GEDIEGENEN Geschmack, so bedienen wir uns ebenfalls eines Begriffes aus dem Bergbau, denn mit „gediegen“ bezeichnet der Bergmann ein reines Mineral. 

 

Völlig zu Unrecht in Verruf geraten ist die WORTKLAUBEREI. Der Begriff „klauben“ stammt aus dem Bergbau und beschreibt eine bergmännische Tätigkeit: über Tage wurde auf „Scheidebänken“ und an „Lesebändern“ von Hand der wertvolle Rohstoff, z.B. Erz oder Kohle, von dem wertlosen, „tauben“ Gestein getrennt. Mithin ist das Klauben eine höchst wichtige und wertvolle Tätigkeit. „Worte klauben sollte jeder“, schreibt Wolf Schneider: „das Brauchbare aussondern, oft mühsam und immer mit Gefühl. Gibt es einen besseren Rat?“ Auch in sprachlicher Hinsicht ist der Bergbau mithin gutes Vorbild.  


Ein „Klaube-Junge“, Darstellung aus Christoph Weigel:

„Abbildung und Beschreibung derer sämtlichen Berg-Wercks-Beamten und Bedienten“, Nürnberg 1721.

 

Nähern wir uns einem Bahnübergang, so warnt uns ein X-förmiges Kreuz vor der drohenden Gefahr: das sogenannte ANDREASKREUZ. Benannt ist es nach dem Hl. Andreas, einem Bergbaupatron, der an ein solches Kreuz gebunden wurde. Mit diesem Zeichen wird untertage ein ausgebeuteter und einsturzgefährdeter Grubenbau abgesperrt, der sogenannte Alte Mann.

 

Eher der Vollständigkeit halber wollen wir erwähnen, daß der Ausdruck VOR DIE HUNDE GEHEN mitunter damit erklärt wird, daß Bergleute, die sich etwas zuschulden hatten kommen lassen, zur Strafe die Förderwagen (die „Hunte“) ziehen mußten. Aber bei dieser Erklärung sind wir doch eher skeptisch.

 

So oder so: ein solcher Bergmann hatte etwas AUF DEM KERBHOLZ. So hieß nämlich ein Holzstab, in das der Bergmeister seinen Namen einbrannte und das er dann diesem Bergmann zustellen ließ. Dieser hatte dann im Bergamt zu erscheinen und sich zu verantworten.

Es gab aber auch noch ein anderes Kerbholz, auf das der Steiger für jede Schicht oder für geförderte Mengen eine Kerbe einritzte. Für den Bergmann bedeutete dieses Kerbholz bares Geld, denn anhand dieser Kerben wurde sein Lohn errechnet.



Bild: Steiger, der für jeden geförderten Wagen eine Kerbe in sein Kerbholz ritzt.

Holzschnitt aus Georgius Agricola: „De re metallica“.

 

Welche der beiden Bedeutungen Sie jetzt auch bevorzugen: seien Sie versichert, daß unsere Belegschaft nichts „auf dem Kerbholz“ hat. Denn sollten Sie glauben, daß die vielen gutbesuchten Veranstaltungen an Schacht 3 für uns EINE WAHRE GOLDGRUBE seien, so irren Sie sich: wir alle arbeiten nämlich ehrenamtlich, und wirklich jeder Pfennig, den wir erwirtschaften, wird von uns für den Erhalt und weiteren Ausbau von Schacht 3 verwendet.

Nein, wir haben wirklich nicht „die Dollarzeichen vor den Augen“, dabei wäre das gar nicht einmal so schlimm. Denn auch mit dem amerikanischen DOLLAR begegnet uns ein alter Bekannter aus dem Bergbau, eine Verballhornung des Begriffes Taler. Und der Taler wiederum ist eine Kurzform von „Joachimsthaler“, denn so wurde jene Silbermünze genannt, die im 16. Jahrhundert im böhmischen Bergbauort Joachimsthal geprägt wurde, wo sich ergiebige Silbervorräte befanden.

 

Und bevor Sie, liebe Leser, nun der Meinung sind, alle diese Ausführungen seien doch wohl UNTERSTE SOHLE, also völlig niveaulos, wollen wir doch lieber jetzt SCHICHT MACHEN, also zum Schluß kommen. Doch nicht bevor wir Ihnen sagen, daß das Buch „Knappen, Heilige und eine lange Schicht“ von Dietmar Werner, das wir u.a. zu Rate gezogen haben, für uns EINE WAHRE FUNDGRUBE war. Erschienen ist es in der Verlagsgesellschaft Marienberg. (Lesen Sie doch auch unsere Rezension in der Rubrik „Jenseits der eigenen Halde“).

 

Sollten Ihnen noch weitere bergmännische Begriffe oder Wendungen einfallen, die in unsere Alltagssprache gelangt sind, dann schreiben Sie uns!

 


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SOPHIA-JACOBA UND DIE KULTUR

 

1. Toni Hilgers                                                 



 

Diese Barbaradarstellung war ein Geschenk dankbarer Hückelhovener Bergleute für ihren Bergmannspfarrer Josef Derichs von St. Barbara. Geschaffen hat sie der Erkelenzer Glaskünstler Toni Hilgers, der eine ganz unmittelbare Beziehung zu unserer Grube hat, unterrichtete er doch bis zur Stillegung an der Bergberufsschule Sophia-Jacoba. Vor vielen Jahren durch eine schwere Erkrankung für einige Zeit aus dem Berufsleben gerissen, fand er in dieser Zeit zur Glaskunst. Heute gehört Toni Hilgers zu den überregional bekannten Künstlern unserer Heimat. Seine Werke sind nicht nur in Ausstellungen zu bewundern. Ein besonders anschauliches Beispiel seines Schaffens sind die Wappenfenster im Erkelenzer Rathaus, die oberhalb des Bürgerbüros zu sehen sind. Hier sehen wir das Erkelenzer Stadtwappen und das Wappen der Bergstadt Thum/Erzgebirge, mit der Erkelenz eine Städtefreundschaft pflegt.



                           

 

2. Sophia-Jacoba und der Weinbau: Familie Batalia belebt eine Tradition neu

 

In vielerlei Hinsicht war der Bergbau stets ein Kulturträger. Unser Bergwerk hat dies sogar auf einem Gebiet geleistet, das man landläufig nicht sofort mit dem Bergbau assoziiert: dem Weinbau. Sophia-Jacoba produzierte bis in die 1990er Jahre eigenen Wein und war damit neben der Zeche Pattberg in Moers das einzige Bergwerk in Deutschland mit eigenem Weinanbau. Über 200 Riesling-Weinstöcke wachsen auf der Millicher Halde, die sich seit den 1920er Jahren hinter Schacht 3 erhebt. Einige, rare Flaschen „Millicher Fuchsbau“ befinden sich heute noch in  einer Vitrine auf Schacht 3. (Unter einem Fuchsbau versteht der Bergmann übrigens nicht nur ein reales Fuchsloch, sondern auch einen Kleinstollen).

Und nun, über ein Jahrzehnt nach der Stillegung, wird diese Tradition wieder aufgenommen. Unweit der Halde betreiben Jürgen und Ines Batalia in der Millicher Gronewaldstraße ihre Weinhandlung, die Weine verschiedenster Provenienzen, Brände, feine Öle, aber auch Gewürze und Käse feilbietet. Jürgen Batalia entstammt einer traditionell dem Bergbau verbundenen Familie und begann als junger Mann seine erfolgreiche berufliche Karriere sogar bei Sophia-Jacoba. Jetzt schicken er und seine Frau sich an, den Weinbau des vormaligen Bergwerks Sophia-Jacoba mit viel Elan und Sachverstand neu zu beleben.

 

Prominente Unterstützung erhalten sie durch den befreundeten Winzer Christian Peth vom Weingut Peth-Wetz in Rheinhessen, dessen Weine auch in der Weinhandlung Batalia zu finden sind. Christian Peth gilt als einer der bemerkenswertesten jungen Winzer Deutschlands, über dessen Leistungen der Weinkritiker Gerd Rindchen begeistert schreibt: „Es ist einfach grandios, was man mit penibelster Arbeit in Weinberg und Keller (…) herausholen kann (…).“

 

Die klimatischen und geologischen Voraussetzungen für den „Haldenwein“ sind vielversprechend, denn die Hanglage sorgt für die richtige Sonneneinstrahlung, der stark schieferhaltige Boden der Halde vermag die Wärme lange zu speichern, und die Reben befinden sich in einem guten Zustand. Der Förderverein Schacht 3 freut sich, daß der gute Name „Sophia-Jacoba“ jetzt auch auf dem Gebiet des Weinbaus weiterleben wird und wünscht diesem ambitionierten Projekt, der Familie Batalia und Christian Peth von Herzen „Glückauf“.



Hier sehen wir Jürgen und Ines Batalia in ihrer Weinhandlung mit einer Flasche des historischen Haldenweines, die Bernd Jansen, der Bürgermeister Hückelhovens, ihnen überreicht hatte.

 

Über den Fortgang des Projektes „Haldenwein“ werden Sie auf der Website der Weinhandlung Batalia auf dem laufenden gehalten.

LINK: www.batalia.de

 

 

3. Damian Zingg: „Koschniz und die Götter vom Bodensee“

 

Über viele Gruben sind dokumentarische Werke erschienen. Wieder andere Gruben sind Gegenstand von Bergmannsromanen geworden. Aber Sophia-Jacoba hat ein literarisches Leben ganz eigener Art erhalten, und das verdanken wir Damian Zingg!

 

„Der Autor fördert aus der Tiefe seines Ideenbergwerks immer wieder verblüffende Schätze zu Tage.“ So lautet das Urteil eines Kritikers über das Werk von Damian Zingg, einem der originellsten und farbigsten Autoren der Schweizer Literaturszene. Und diese Metapher hat ihre Berechtigung, denn Zingg erkundet in seiner Freizeit auch gerne ganz reale Bergwerks- und Stollenanlagen. Eine Grubenfahrt als Besucher auf Sophia-Jacoba vor über zwei Jahrzehnten beeindruckte ihn so sehr, daß er Jahre später in einem Roman das Erlebte verarbeitete. Der seit 2003 in drei Auflagen erschienene Roman „Koschniz und die Götter vom Bodensee“ ist kein Bergbauroman, und die Handlung ist auch nicht auf unserem Bergwerk angesiedelt, sondern am und vor allem unter dem Bodensee. Aber die Hauptfigur „Koschniz“, ein aus der Bodenseeregion stammender Schweizer, hat drei Jahrzehnte bis zur Schließung in Hückelhoven auf Sophia-Jacoba gearbeitet. Und so durchziehen seine Erinnerungen an diese Zeit leitmotivisch die Handlung, und in Rückblenden durchlebt er diese Jahre, denn „er fühlte sich ja im Erdinnern geborgen“.

 

„Sophia-Jacoba, das war sein Leben. In jener verborgenen Welt, zweihundert, vierhundert, sechshundert Meter tief unter Tage, in den kilometerlangen Stollen und Schächten, dort fühlte er sich einst verwurzelt und zu Haus.“

 

Und die Stillegung erlebt Koschniz genauso wie die vielen realen Bergleute in Hückelhoven: „Koschniz verlor dadurch seine Wurzeln, die tief ins Erdinnere hineingewachsen waren, tief in jene verborgene Welt unter Tage, in der er sich so heimisch und geborgen fühlte (…). Er wollte auch nicht in irgendeine andere Grube einfahren, denn Koschniz und Sophia-Jacoba gehörten zusammen. Die Zeche war seine Braut geworden.“

 

Der Verfasser läßt seinen Protagonisten bei dem (tatsächlich geschehenen!) Schwimmsandeinbruch 1975 eine herausragende Rolee spielen, die diesem den Beinamen „Schwimmsand-Koschniz“ einträgt. Koschniz findet sich in der zweiten Hälfte des Romans in einer Mischung aus Traum und Wirklichkeit in einem Stollen unterhalb von Meersburg wieder und sorgt in der phantastischen Romanhandlung dafür, daß „ein Hauch von Glückseligkeit vom Nirwana in den Bodensee fließen“ kann.

 

In sein persönliches Nirwana geht Koschniz ein, als er einer geheimnisvollen Frau begegnet, die ihm zur Liebe seines Lebens wird. Auf der letzten Seite des Buches verrät sie ihm ihren wahren Namen.

Es ist ein charakteristischer Doppelname – der Rezensent verrät Ihnen aber nicht, welcher!


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EINE STARKE TRUPPE: DIE SCHUTZHEILIGEN DES BERGMANNES

 

Daß die Hl. Barbara für die Bergleute die Schutzpatronin schlechthin ist, wissen auch jene, die sich ansonsten nicht für den Bergbau interessieren. Darüber gerät jedoch leicht in Vergessenheit, daß die Bergleute eine Vielzahl von Heiligen um Schutz und Beistand anriefen.

 

Die ständige Todesnähe, das Ausgeliefertsein, die Dunkelheit, die klaustrophobisch anmutende Enge, die Angst verschüttet zu werden, die Gefahr, Opfer von Grubenbränden oder Explosionen zu werden oder bei einem Wassereinbruch zu ertrinken: all das machte den Bergmann demütig, machte ihm seine Endlichkeit, seine Kleinheit in der Schöpfung bewußt und brachte ihn dazu, den Beistand der Heiligen anzurufen.

 

Nicht nur die Zahl der Schutzheiligen im Bergbau ist beeindruckend, sondern auch ihre Vielfalt: es finden sich Patrone aus dem Alten und aus dem Neuen Testament und natürlich aus der Kirchengeschichte, mit Anna und Joachim aber auch zwei aus den Apokryphen, gleich mehrere Apostel, einige Päpste, zwei Erzengel, eher legendarische Heilige wie die Hl. Katharina und andererseits historisch klar belegte wie Albertus Magnus, frühchristliche Heilige wie Florian und mittelalterliche wie Prokop, volkstümliche wie der Hl. Nikolaus und eher wenig bekannte wie Paphnutius und Ingenius, universal verehrte wie die Hl. Barbara und Regionalpatrone wie Theodul von Sitten. Zudem gilt auch in der Volksfrömmigkeit das Prinzip: „Viel hilft viel“.

 

Bei manchen ergibt sich der Bezug unmittelbar aus der Vita, wenn sie sich wie der Hl. Rupert Verdienste um den Bergbau erworben haben, bei anderen aus ihrem Martyrium, wie bei der Hl. Agatha, die auf glühenden Kohlen gemartert wurde; aus einem bestimmten Attribut wie z.B. dem Beil des Hl. Wolfgang oder aus der Legende wie bei dem Hl. Patrick, auf dessen Geheiß sich die Erde auftat. Manche Bergbaubezüge muten uns heutigen, aufgeklärten Menschen vielleicht sogar etwas abenteuerlich an, waren aber für die Bergleute vor gar nicht einmal so langer Zeit realer Lebens- und Glaubensinhalt.

 

 

DIE VIERZEHN NOTHELFER

Eine ganz besondere Bedeutung hatten dabei die Vierzehn Nothelfer, jene frühchristlichen Heiligen, die gegen einen jähen Tod und für ein gutes Sterben angerufen werden. Es ist kein Zufall, daß gleich neun Bergbauheilige dieser Gruppe entstammen: Aegidius, Barbara, Blasius, Christophorus, Erasmus, Georg, Katharina, Margaretha und Vitus. Hinzu kommen weitere sieben Heilige, die regional oder lokal den Nothelfern zugerechnet werden: Nikolaus, Magnus, Sebastian, Leonhard, Agatha, Dorothea und Oswald.

 

Denn nichts fürchteten die Bergleute bei ihrer lebensgefährlichen Arbeit mehr als den jähen, den unvorbereiteten und unbußfertigen Tod, ein Sterben ohne die vorherige Aussöhnung mit Gott und ohne den vorherigen Empfang der Sterbesakramente. Und so brachte man die Barbarastatuen oder Barbarabilder auf den Bergwerken stets dort an, wo jeder Bergmann täglich an ihnen vorbeikam: übertage auf dem Weg zum Schacht und untertage auf vielbefahrenen Strecken. (Auch die erst 2001, also nach der Stillegung, vom Förderverein Schacht 3 in der Förderhalle angebrachte lebensgroße Barbarafigur folgt diesem Prinzip. Würden heute noch Bergleute auf  Sophia-Jacoba ein- und ausfahren, dann fiele ihr erster und ihr letzter Blick auf diese Darstellung).  

 

BARBARA (4. Dezember), KATHARINA (25. November; Katja) und MARGARETA (20. Juli; Margot, Margit, Peggy) sind die „Heiligen Drei Madeln“, denen sich dann noch die Hl. DOROTHEA (6. FEBRUAR) hinzugesellt: die  „Quattuor Virgines Capitales“, die Vier Heiligen Jungfrauen. Barbaras Bergbaubezug ergibt sich daraus, daß sie in einem dunklen (!) Turmverlies gefangengehalten wurde, daß sich auf der Flucht die Felsen (!) vor ihr auftaten, sie dann von Bergleuten (!) untertage aufgenommen und versteckt wurde und daß später ihr Vater von einem Blitz erschlagen wurde, worin die Bergleute natürlich einen Verweis auf das für sie so bedrohliche Element des Feuers erkannten. Bei Katharina ist es das Folterinstrument, das Rad, das sie zur Patronin aller Berufe machte, in denen das Rad eine Rolle spielt, man denke nur an Wagenräder, Haspeln und Seilscheiben im Bergbau. Zudem war sie die Hüterin der Reinheit des Glaubens, was die Bergleute umgehend in ihre eigene Lebenswirklichkeit übertrugen, und so wurde sie zur Hüterin der Reinheit der Erze. Sie wurde besonders in Schlesien und in der benachbarten niederländischen Provinz Limburg verehrt, wovon der Katharinenschacht der Grube Neu-Prick bei Kerkrade Zeugnis ablegte. Margareta soll mit eisernen (!) Haken und mit brennenden (!)  Fackeln gequält worden sein, so daß Berg- und Hüttenleute sie bei Brandwunden anriefen, zumal sie von ihren Verletzungen stets wundersam genas. Dorothea wiederum wurde in einem eisernen (!) Kessel mit siedender (!) Flüssigkeit gemartert und zudem in einem unterirdischen (!) Verlies gefangengehalten.

 

 

PATRONE GEGEN FEUERGEFAHREN

Gleich eine Reihe von Heiligen wurden als Feuerpatrone gegen die Gefahr von Grubenbränden (die Gruben waren ja noch mit Holz abgestützt), Schlagwetterexplosionen und Brandverletzungen angerufen. Hinzu kam ja auch noch, daß die ebenfalls im Bergbau tätigen Schmiede, Hüttenleute und Gießereiarbeiter bei ihrer gefährlichen Arbeit ständig mit Feuer umgingen, an Schmelzöfen standen, mit rotglühendem Eisen, mit spritzendem Zinn oder mit flüssigem Blei hantieren mußten und so immer in Gefahr schwebten, sich schwere Brandverletzungen zuzuziehen. Und so riefen die Bergleute jene Heiligen an, von denen sie wußten, daß diese selber ähnliche Gefahren und Schmerzen durchlitten hatten und so die Nöte der Bergleute buchstäblich am eigenen Leib nachempfinden konnten.

Neben Margareta und Dorothea war dies z.B. der frühchristliche Märtyrer LAURENTIUS (10. August;  Lorenz, Lars), der auf einem glühenden Rost getötet wurde und nach dem heute noch die an seinem Namenstag geweihten „Laurenzikohlen“ benannt sind, mit denen ein Feuersegen verbunden ist. Zudem soll er nach einer Legende mit Blei(!)kugeln geschlagen worden sein. Als 2010 chilenische Bergleute wochenlang untertage eingeschlossen waren, brachten ihre Kameraden übertage eine Statue ihres Bergbaupatrons, des Hl. Laurentius, an den Rettungsschacht, und auch die Rettungsaktion wurde nach ihm benannt: „San Lorenzo“.

Der ebenfalls heute noch vor allem in Österreich gegen Feuersgefahren gespendete „Colomansegen“ erinnert an einen weiteren Feuerpatron im Bergbau, den irischen Pilger COLOMAN (17. Juli), der in Melk an der Donau begraben liegt.

In Sizilien wird bis heute die sogenannte „Feuermagd“ AGATHA (5. Februar) von Catania als Bergbauheilige verehrt, die auf glühenden Kohlen gemartert wurde. Ihr wurden aber auch Wundertaten bei Vulkanausbrüchen und Erdbeben zugeschrieben, so daß sie auch vor Gebirgsschlägen (=erdbebenähnliche Erschütterungen untertage) schützen sollte.

Eine solche Doppelfunktion hatte ebenfalls der „Feuerwehrpatron“ St. FLORIAN (4. Mai), der untertage vor Feuern und Brandwunden schützen sollte: als Kind soll er der Legende nach seine Eltern bei einem Brand gerettet haben, und bei seinem Martyrium quälte man ihn auch mit glühenden Eisen.

 

 

PATRONE GEGEN WASSERGEFAHREN

Florian galt aber auch als Patron gegen die Wassergefahren untertage, da er selber in den Wassern der Enns ertränkt worden war.

Der vor allem im Alpenraum verehrte bärenstarke CHRISTOPHORUS (24. Juli)  schützte ebenfalls gegen in die Bergwerke hereinstürzende Wassermassen, hatte er doch das Jesuskind durch die reißenden Fluten getragen.

In diese Gruppe gehört auch einer der volkstümlichsten Heiligen überhaupt: „St. Nikolaus, der heilige Mann, zu Land und Wasser helfen kann“, wobei der Hl. NIKOLAUS (6. Dezember) dem Bergmann vor allem gegen das Wasser beistehen sollte, war er doch bereits der Patron der Schiffer. Ein weiterer „bergbaulicher“ Bezug war zudem in den drei goldenen (und damit „erzhaltigen“!) Kugeln in seiner Hand zu erkennen. 

Eine ähnliche Macht über unheilbringende Wasserfluten schrieben die Bergleute dem Hl. BLASIUS (3. Februar) zu, der, als man ihn ertränken wollte, das Kreuzzeichen über die Fluten machte und die Wasser damit zum Verschwinden brachte.

 

 

HEILIGE, DIE UNTERTAGE LEBTEN

Da Blasius sich zudem auch lange in einer Höhle im argeischen Gebirge vor seinen Häschern versteckt hatte, erkannten die Bergleute in ihm erst recht einen Verbündeten, da er ja die Verhältnisse untertage, in denen sie arbeiten mußten, genau  kannte, ebenso wie HIERONYMUS  (30. September), AEGIDIUS (1. September) und BENEDIKT von Nursia (12. November), die ebenfalls jahrelang untertage in Höhlen gelebt hatten, so daß Benedikt übrigens auch zum Patron der Höhlenforscher wurde.

In einer heute noch zu sehenden Höhle im bulgarischen Rilagebirge lebte im 10. Jahrhundert auch ein hierzulande völlig unbekannter Bergbauheiliger: der Schutzpatron Bulgariens und des bulgarischen Bergbaus, der Eremit IVAN RILSKI (18. August), nach dem auch die Bergbauuniversität in Sofia benannt ist.

 

 

HEILIGE, DIE UNTERTAGE ARBEITEN MUSSTEN

Gleich eine Reihe von Bergbauheiligen wurde zur Zwangsarbeit in Bergwerken verurteilt, so  Papst CALLISTUS I. (14. Oktober), der im Jahre 188 in die Bergwerke Sardiniens geschickt wurde und der aber auch später untertage arbeitete, da er in Rom die nach ihm benannten Calixtus-Katakomben verwaltete.

Im dritten Jahrhundert wurden zwei Heilige in Ägypten in die Bergwerke verbannt: der Eremit und Bischof PAPHNUTIUS (29. November) und der Soldat AMMONIUS (18. Januar), der sich geweigert hatte, den heidnischen Göttern zu huldigen.

Im 5. Jahrhundert wurde während der Christenverfolgungen durch die Arianer der Hl. ARMOGASTES (29. März) zur Zwangsarbeit in einem nordafrikanischen Bergwerk verurteilt, da er nicht bereit war, seinem christlichen Glauben abzuschwören.

Der heute noch vor allem in der Slowakei verehrte Papst CLEMENS I. (23. November) wird oft mit einer Erzstufe in der Hand dargestellt, da er unter Kaiser Trajan Zwangsarbeiter in den Erz- und Marmorgruben auf der Halbinsel Chersones (heute Sewastopol auf der Krim) war, wo tausende Christen schuften mußten. Daß er zudem auch gegen einströmendes Wasser schützen sollte, ist zwei Begebenheiten seiner Legende geschuldet, durch die die Bergleute ihm Gewalt über das Element Wasser zuerkannten. An der Stelle, die ihm ein Lamm gewiesen hatte, schlug er mit einer bergmännischen Hacke gegen den Felsen, und eine Quelle entsprang, die ihn und seine Mitgefangenen vor dem Verdursten bewahrte. Und als Trajan seinen Leichnam im Meer versenken wollte, wich das Wasser zurück, und eine aus Marmor (!) für ihn gebaute Grabkapelle kam zum Vorschein.

 

 

 

HEILIGE MIT GEHEIMNISVOLLEN  KRÄFTEN

Der Patron Irlands, der Hl. PATRICK (17. März), soll mit seinem Stab ein Loch in der Erde eröffnet haben, um seine zweifelnden Zuhörer von der Wirklichkeit des Fegfeuers und der Hölle zu überzeugen, und bewies so seine Wirkmacht über die Welt untertage. Mit irischen Auswanderern gelangte sein Ruhm auch in die Neue Welt, so daß er zum Bergbaupatron in den Kohlerevieren Pennsylvanias wurde.

Daß auch Papst GREGOR der Große (3. September) und der Hl. AUGUSTINUS (28. August) als Bergbaupatrone genannt werden, könnte ähnlich zu erklären sein, da beide die Lehre von Hölle und Fegfeuer theologisch systematisiert haben, sie also einen ganz besonderen Bezug zum „Unterirdischen“ aufweisen. Papst Gregor soll der Legende nach sogar Kaiser Trajan aus der Hölle errettet haben, so daß man ihm natürlich ganz besondere Macht über die Welt untertage zuschreiben durfte.

So kommt auch der einzige auf deutschem Boden begrabene Apostel, der Hl. MATTHIAS (14. Mai), zu seinem Bergbaupatronat. Als er Spöttern und Verächtern des Glaubens  prophezeite: „Ich sage Euch, Ihr werdet lebendig zur Hölle fahren!“, da tat sich der Boden auf und verschlang sie. Da er mit einem Beil erschlagen worden sein soll, erkoren ihn zudem die Zimmerleute zu ihrem Patron, und so werden die Grubenzimmerleute ihren Patron Matthias auch ins Bergwerk mitgenommen haben.

Auch Kaiserin HELENA (18. August), die Mutter Kaiser Konstantins, bewies für die Bergleute ihre Macht über die unterirdische Welt: auf ihr Gebet hin tat sich die Erde auf und offenbarte das Kreuz Christi.

Ebenso besaß der Hl. VIGILIUS von Trient (26. Juni) solche Macht über Steine und Felsen, wovon das Felsentor im Sarcatal in Trient, die sogenannte Vigiliuspforte,  bis heute Zeugnis ablegt. Als er im 5. Jahrhundert auf der Flucht vor seinen heidnischen Verfolgern vor eine unüberwindliche Felswand geriet, da taten sich auf seine Bitte hin die Felsen auf und ließen ihn entkommen.

Anfang des 7. Jahrhunderts, also rund 150 Jahre nach St. Patrick, wollte der Legende nach der irische Bischof St. MOCHUAN von Balla (30. März) eine trockengelaufene Mühle wieder mit Wasser versorgen. Es gelang ihm, mit seinem Stab einen Felsen zu durchstechen, wodurch Wasser ungehindert durch einen Berg (!) fließen konnte (wobei diese Begebenheit nach anderen Quellen auch Mochuans Gefährten St. Fechin zugeschrieben wird).  

Im Jahre 1999 wurde die Patronin Polens von Papst Johannes Paul II. heiliggesprochen: Königin KINGA (=Kunigunde; 24. Juli), die im 13. Jahrhundert lebte. Die Legende berichtet, daß sie ihren Verlobungsring unweit Krakau in eine Erdspalte warf und zusicherte, man werde dort einen Schatz finden. Diese Prophezeiung trat ein: das Salzbergwerk von Wieliczka gibt es heute noch!

 

HEILIGE, DIE DEN BERGBAU FÖRDERTEN

Aber Königin Kinga hat durchaus historisch nachweisbare Verdienste um den Bergbau erworben. Sie förderte während ihrer Herrschaft den Salzbergbau nach Kräften und holte ungarische Bergleute ins Land, was dem Bergbau Polens zu einer Blüte verhalf. Auf Darstellungen ist sie mit Bergleuten zu sehen und mit ihrem Attribut, einem Salzstein mit ihrem darin eingelassenen Verlobungsring.

Eines ihrer deutschen Pendants war schon im 8. Jahrhundert der Hl. RUPERT (27. März; Robert, Ruprecht, Bert), der erste Bischof von Salzburg, der den Salzbergbau ausbaute und so der armen Landbevölkerung half. Bis heute ist er der Patron der Berchtesgadener Knappen und wird mit einem Salzfaß in der Hand dargestellt.


Der Hl. Rupert mit Salzfaß, davor zwei kniende Salzbergleute in ihrer charakteristischen weißen Tracht.

Detail aus einer Paradefahne der Berchtesgadener Knappen.


Sein Werk wurde von seinem unmittelbaren Nachfolger auf dem Bischofsstuhl, dem in England geborenen Hl. VIRGILIUS (27. November), dem „Apostel Kärntens“, fortgesetzt. Schon früh hatte dieser sich aufgrund seiner naturwissenschaftlichen Fähigkeiten den Ehrentitel „Geometer“ erworben, und er sorgte dafür, daß alte Erzgruben wieder eröffnet wurden.

Ein weiterer süddeutscher Bergbaupatron ist MAGNUS von Füssen (6.August), der Patron des Allgäus, dessen historisch belegtes Verdienst es ist, die Bevölkerung zum Bergbau angeleitet und den Bergbau im Allgäu gefördert zu haben. Reflektiert wird dies auch in seiner Legende: ein Bär zeigte ihm einen Baum und riß diesen aus, und als der Heilige selber an der Stelle weitergrub, entdeckte er eine reiche Erzader.

König DAVID (29. Dezember) aus dem Alten Testament, nach dem man auch Stollen und Bergwerke benannte, wurde zum Bergbauheiligen, da er den Kupferbergbau förderte. Gelegentlich werden auch weitere Personen aus dem Alten Testament den Bergbaupatronen zugerechnet, so der „Erzvater“ Abraham und auch ADAM (und mit ihm natürlich auch sein Weib Eva, beide 24. Dezember), dessen Patronat sich aus seinem Namen ergibt, deutsch: „Erdmann“, was Bergleute dazu brachte, ihn als „ersten Bergmann“ zu sehen.

Als Nationalheilige werden auch WENZEL (28. September) und PROKOP (25. März) zu Bergbauheiligen ihrer Heimat Böhmen, ähnlich wie die Brixener Bischöfe INGENUIN und ALBUIN (beide 5. Februar) in Südtirol.

Als der Hl. PIRAN von Cornwall (5. März) einmal sein Kaminfeuer entzündete, soll der Legende nach aus der dunklen Kaminwand Zinn ausgetreten und in Form eines Kreuzes geschmolzen sein, worauf die Fahne Cornwalls, weißes Kreuz auf schwarzem Grund, zurückgeht. Doch steckt hinter der Legende ein realer Kern: Piran soll im 6. Jahrhundert den seit römischen Zeiten verkümmerten Zinnbergbau und vor allem die Zinnverarbeitung neubelebt haben, so daß er nicht nur zum Schutzheiligen der cornishen Zinnbergleute, sondern zum Patron Cornwalls überhaupt wurde.

Fünfhundert Jahre zuvor wurde ebenfalls in Cornwall JOSEPH VON ARIMATHEA (31. Juli) zu einem Heiligen des Bergbaus. Er soll Zinnhändler gewesen sein, mag aber auch eigene Zinngruben besessen haben. Nach einer Legende soll er mit dem Christuskind die „Ding Dong Mines“ besucht haben, deren Ruinen heute noch in der Nähe von Land`s End zu sehen sind. Ein weiterer Bezug ist auch, daß er den Heiligen Gral in Glastonbury vergraben haben soll, woraufhin die heute noch zu sehende Quelle Chalice Well (= Kelchquelle) entsprang, deren rotes, eisenhaltiges (!) Wasser das Blut Christi symbolisiert.

Aber es gab auch Bergbaupatrone, die sich um die Montanwissenschaften verdient gemacht haben, so der große Dominikaner und Universalgelehrte des 13. Jahrhunderts, ALBERTUS MAGNUS (15. November) durch seine mineralogischen Studien und Werke, von denen „De Mineralibus“ das wohl bedeutendste mineralogische Buch des Mittelalters war.

Demgemäß müßte auch NIELS STENSEN (5. Dezember) zu den historischen Bergbauheiligen gerechnet werden, doch ist er leider noch ein „Bergbaupatron im Wartestand“. Kein Wunder, denn er wurde ja erst im Oktober 1988 von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen. Dieser bedeutende Wissenschaftler ist der Begründer der Kristallkunde und lieferte grundlegende Erkenntnisse in der Geologie, Mineralogie und Paläontologie: erst durch ihn wissen wir, daß Versteinerungen auf einstmals lebende Organismen zurückgehen.

Auch er hätte einen Status als Bergbauheiliger verdient, jedoch müßte er zunächst einmal seliggesprochen werden: der Jesuitenpater WILLIAM JUDGE (16. Januar), der bereits zu Lebzeiten in heiligmäßiger Verehrung stand und der inoffiziell als der Schutzheilige der Bergleute in Kanada und Alaska gilt. Während des Goldrausches von Klondike in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war er unter widrigsten Umständen ein Engel der Bergleute, missionierte ein oft noch heidnisches Land, baute Kirchen und Krankenhäuser, in denen die häufig sehr kranken Bergleute und ihre Familien behandelt wurden. Übrigens rettete er dort auch den sterbenskranken Jack London vor dem Tod!  

 

 

WETTER- UND GLOCKENHEILIGE

Für uns heutige Menschen mögen es verschlungene Pfade sein, die solche Heilige in den Bergbau führten, aber unsere Vorfahren dachten bildhaft. Der englische König und Nothelfer OSWALD von Northumbrien (5. August) war ursprünglich ein Wetterpatron und wird im Alpenraum als „Wetterherr“ bezeichnet. Und was galt über die Jahrhunderte als wirksames Abwehrmittel gegen Unwetter und Blitze? Die Glocke! Und wer stellte sie her? Die Berg- und Hüttenleute!

So kam auch der Hl. THEODUL von Sitten (16. August; Theodor) zum Bergbau. Denn der Legende nach ließ er einen Teufel eine Glocke von Rom in seine Heimat schleppen und wurde so zunächst zu einem Glockenheiligen und dann zu einem Bergbaupatron in Vorarlberg. Er wird mit den Attributen Steinhammer und Erzstufe dargestellt. 

 

 

HEILIGE ANDERER BERUFE

Man findet überdies „zugereiste“ Bergbauheilige, die aus anderen Berufen in den Bergbau gekommen sind, was nicht weiter verwunderlich ist, da der Bergmannsstand bis heute eine Vielzahl von Berufen vereint.

Der Apostel ANDREAS (30. November) mag seines Namens wegen, deutsch: „der Mannhafte“, schon von vorneherein manchem Bergmann sympathisch sein. Er war gegen 60 n. Chr. im Auftrag des Statthalters Ageas bei seinem Martyrium mit Seilen an ein X-förmiges Kreuz („Andreaskreuz“) gebunden worden -  was ihm das Patronat der Seiler eintrug. Gute Seile entscheiden im Bergbau buchstäblich über Leben und Tod, und der Begriff „Seilfahrt“ steht bis heute für die Personenförderung im Schacht. Die Bergleute, die oft an Seilen hängend in den finsteren Schacht hinuntergelassen wurden, hatten also allen Grund, auch Andreas um Beistand anzurufen, und seine Verehrung in Bergbaugegenden zeigt sich auch an Ortsnamen wie St. Andreasberg im Harz. Auch das Andreaskreuz hat seine Bedeutung im Bergbau behalten: es sperrt einsturzgefährdete Hohlräume (den sogenannten „Alten Mann“) ab und signalisiert dem Bergmann sofort: „Gefahr!“, ähnlich wie die Andreaskreuze übertage vor einem Bahnübergang.


Der Hl. Bartholomäus in der St. Katharinenkirche in Maaseik (Belgisch-Limburg)


So mag ebenfalls ein weiterer Apostel, der Hl. BARTHOLOMÄUS (24. September), zum Bergbauheiligen geworden sein, da auch er bei seinem Martyrium mit Seilen gefesselt wurde, doch sind auch weitere Bezüge denkbar, da sein Leichnam in einem Sarg aus Blei (!) in das Meer geworfen wurde und weil er aufgrund seines Martyriums mit einem wichtigen Utensil des Bergmannes, dem Messer, dargestellt wird.

Der insbesondere in Frankreich und Flandern verehrte Hl. ELIGIUS (1. Dezember), der Goldschmied von Beruf war,  kommt in den Bergbau als Patron aller metallverarbeitenden Berufe, genau wie der vom „Blutwunder von Neapel“ bekannte Hl. JANUARIUS (19. September), der der Legende nach in einem Schmelzofen verbrannt werden sollte, doch von Gott bewahrt wurde. Zudem sollte er auch vor Gebirgsschlägen schützen, da er als Helfer gegen Vulkanausbrüche angesehen wurde, was daher rührt, daß man ihn und seine Gefährten im Jahre 305 in die vulkanischen Schwefelquellen von Pozzuoli warf.  

Der in England mitunter als Bergbauheiliger bezeichnete Erzbischof von Canterbury, DUNSTAN (19. Mai), kam als hervorragender Gold- und Silberschmied in den Bergbau, der bei seiner Arbeit stets Wert auf die Reinheit der Metalle legte, was für einen Bergmann natürlich auch ein wichtiges Anliegen ist.

Eligius ist überdies für einen ganz wichtigen Bereich im Bergbau verantwortlich: für das Licht, denn er ist ebenfalls Patron der Lampenmacher!

Hier kommt den Bergleuten noch eine weitere Heilige zu Hilfe: die Lichtheilige schlechthin, die die Dunkelheit erhellt. Sie wird besonders im Engadin, in Spanien und natürlich vor allem in Skandinavien verehrt, der Heimat des Eisenerzbergbaus: die historisch verbürgte Hl. LUCIA  (13. Dezember), deren Name schon Programm ist, heißt er doch übersetzt: „die Leuchtende“! Zu ihrem Lichterkranz, gewissermaßen ein früher Vorläufer der Kopflampe,  kam sie, weil sie der Legende nach gefangenen Christen nachts Lebensmittel brachte und dabei ein Licht auf dem Kopf trug, um die Hände frei zu haben.  


Lucia-Gottesdienst in einer schwedischen Kirche


Neben dem bereits erwähnten Hl. Matthias brachten die Grubenzimmerleute auch noch weitere Schutzheilige mit: so natürlich auch den größten Patron ihrer Zunft, den Hl. JOSEPH (19. März), der vor allem im süddeutschen und im sauerländischen Bergbau bis zur Barockzeit angerufen wurde. Und so verwundert es auch nicht, daß gelegentlich auch von der Hl. MARIA als Patronin im Bergbau die Rede ist, was Namen wie Marienberg und Jöhstadt (=Josefsstadt) im Erzgebirge bezeugen. Auch ein durchaus bedeutender Bergbaupatron, WOLFGANG von Regensburg (31.Oktober), kam mit den Zimmerleuten in die Gruben. Sein Attribut ist das Zimmermannsbeil. Er soll es einst an dem nach ihm benannten Wolfgangsee ins Tal geworfen haben, um so den Ort zu bestimmen für den Bau seiner Klause. In seinem Buch „Knappen, Heilige und eine lange Schicht“ weist der erzgebirgische Autor Dietmar Werner darauf hin, daß ein solcher Beilwurf alsdann auch bei der Vermessung von Fundgruben praktiziert wurde. Werner verweist zudem noch auf einen weiteren Bergbaubezug: als der Hl. Wolfgang einmal das Chorgebet versäumt hatte, soll er zur Buße mit Händen und Füßen gegen den Fels geschlagen haben…der augenblicklich weich wie Lehm wurde.

 

SOLDATENPATRONE

Es ist keine große Überraschung, daß verschiedene Soldatenheilige auch im Bergbau verehrt wurden, war das Soldatenleben aufgrund seines Berufsethos, der engen Kameradschaft und natürlich wegen der Gefahren und der Todesnähe dem Bergmannsalltag durchaus vergleichbar. Soldatenpatrone sind bezeichnenderweise stets auch Sterbepatrone.

Ein solcher Soldatenpatron für einen guten Tod ist neben der Hl. Barbara auch der Patron der Deutschen, der Erzengel MICHAEL (29. September), der zudem auch für die Metallgießer und Vergolder in den Hütten zuständig war, vermutlich aufgrund seines Flammenschwertes. Aber auch der insbesondere in den Alpen und im Mansfelder Land verehrte römische Legionär GEORG (23. April; Jörn, Jörg, Jürgen), kam den Bergleuten zu Hilfe, schließlich trug er eine eiserne (!) Rüstung, war in eiserne (!) Ketten gelegt und zudem mit einem Rad (!) gemartert worden. Daß er überdies als Inbegriff von Mut und Heldenhaftigkeit gilt, wird ihm bei den Bergleuten bestimmt nicht geschadet haben.

Ähnliches gilt für den Offizier SEBASTIAN (20. Januar), der überdies durch die ihn durchbohrenden metallenen, also „erzhaltigen“ (!) Pfeilspitzen einen Bergbaubezug aufwies und zudem von den mit Feuer umgehenden Zinngießern angerufen wurde.

Die Soldatenpatrone JAKOBUS d. Ä. (25. Juli) und der Führer der Thebäischen Legion, der Hl. MAURITIUS (22. September; Moritz), hatten ebenfalls diesen Bezug durch ihre eisernen Rüstungen und Waffen und wurden so in den grubeneigenen Schmieden und Hütten zu Bergbaupatronen. 

 

 

HEILIGE FÜR DAS AUFFINDEN VON BODENSCHÄTZEN

Der „Heilige der Schusseligen“, der Hl. ANTONIUS von Padua (13. Juni), der immer dann bemüht wird, wenn es um das Suchen und Finden von Gegenständen geht, war natürlich auch zuständig für das Aufspüren von Bodenschätzen, was ihm wohl so gut gelang, daß er bis heute u.a. im polnischen Salzbergbau verehrt wird.

Hierzulande war es zudem dem bereits erwähnten Apostel Andreas aufgegeben, für einen guten „Ausbruch“ zu sorgen.

Noch bedeutender war aber ein vorchristlicher Heiliger, der Prophet DANIEL (21. Juli) aus dem Alten Testament, einer der wichtigsten Bergbauheiligen überhaupt. In einer sagenhaften Form, als „Daniel Knappe“ (!) soll er in einem Traum die Weisung erhalten haben, im Geäst eines Baumes nach einem Nest mit Eiern zu suchen. Mit Hilfe eines Engels deutete er diese Angaben richtig und fand dann im „Geäst“ des Wurzelwerks, also untertage, ein „Nest“ mit wertvollen Erzen.

In Spanien war für das Auffinden von Bodenschätzen  VINZENZ von Saragossa (22. Januar) verantwortlich, der allerdings auch im Erzbergbau der Steiermark verehrt wird.

 

 

HEILIGE MIT MEHREREN BERGBAUBEZÜGEN

Vinzenz und Daniel sind aber auch Beispiele dafür, wie gleich mehrere Anknüpfungspunkte für ein Bergbaupatronat sorgen konnten. Auch hier gilt in der Volksfrömmigkeit der Satz: „Viel hilft viel“. Vinzenz wurde auf einem glühenden Rost, also mit Feuer und „Erz“, und mit „erzhaltigen“ Eisenhaken gequält und zudem in einem dunklen Verlies, also „untertage“ gefangengehalten.

Daniel hatte den Traum König Nebukadnezars vom Koloss auf tönernen Füßen, in dem Metalle eine Rolle spielen, richtig gedeutet. Zudem wußte auch er besonders um unterirdische Gefahren, war er doch in einer Löwengrube gefangen gewesen. So verwundert es auch nicht, daß der Prophet HABAKUK (2. Dezember) ebenfalls gelegentlich als Bergbaupatron genannt wird, kam er doch Daniel zu Hilfe und bewahrte ihn vor dem Verhungern: ein Engel hatte ihn  beim Schopf gepackt und mitsamt einer Schüssel Brei zu Daniels Grube geflogen.

Der Hl. ERASMUS (2. Juni)  kommt in einer Doppelrolle als Wasser- und Feuerpatron in den Bergbau. Als er bei einem Gewitter predigte, konnten ihm die feuerbringenden (!) Blitze genausowenig etwas anhaben wie das Wasser (!) der Regengüsse. Bei seinem Martyrium spielten gleich zwei „erzhaltige“ Attribute eine Rolle: er wurde in einem eisernen (!) Kessel verbrüht und mit einer eisernen (!) Lanze durchbohrt. Zudem wurden ihm die Gedärme mit einer Vorrichtung herausgezogen, in der die Bergleute unschwer die Haspel ihres Berufsalltages erkennen konnten.

Die Legende des „heiligen Knaben“ VITUS (15. Juni; Veit) strotzt nur so von derartigen Bezügen und ist in ihrer Symbolsprache ein weiteres anschauliches Beispiel, wie wörtlich die Bergleute solche Heiligenviten und Heiligenlegenden interpretierten und auf ihr eigenes Los anwandten. Dieser frühchristliche Märtyrer ist Patron der alten Bergbauregion Sachsen, wird aber auch in Südtirol verehrt. Häufig wird er mit seiner Amme CRESZENTIA und deren Mann MODESTUS (beide 15. Juni) in Dreizahl  als Bergbaupatron dargestellt. Von Kaiser Diokletian wurden sie in ein dunkles, unterirdisches (!) Verlies gesperrt, die eisernen (!) Ketten fielen aber von ihnen ab, und die Finsternis (!) wurde von Engeln erleuchtet (!). Während er auf der Folterbank lag, ließ ein Erdbeben (!) die ringsum befindlichen heidnischen Tempel einstürzen, und Blitze (!) zerschlugen das Marterinstrument. Genau wie ein anderer Bergbauheiliger, der Apostel JOHANNES (27. Dezember), wurde auch Vitus in einen eisernen (!) Kessel mit siedendem (!) Öl geworfen. Als Patron sorgte er zudem dafür, daß die Knappen ihren Schichtbeginn nicht verschliefen. Mehr „Bergbau“ geht wirklich nicht.

 

 

GEFANGENENPATRONE

Daß auch Gefangenenpatrone von Bergleuten angerufen wurden, wirft ein bezeichnendes Licht auf die furchtbaren Arbeitsbedingungen untertage in früheren Jahrhunderten, wie sie allerdings in vielen Ländern leider auch heute noch herrschen. Hinzu kommt, daß bis in unsere Zeit Häftlinge und Gefangene Zwangsarbeit in Bergwerken leisten müssen, denken wir nur an die Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter im Uranbergbau Böhmens oder an die  politischen Häftlinge in den Bergwerken der Sowjetunion oder des heutigen China.

Zu diesen Heiligen gehörte St. Nikolaus, weil er selber eingekerkert war, und auch manche der bereits erwähnten Soldatenpatrone: schließlich war die Gefangenschaft die größte Schmach, die ein Soldat erdulden mußte. Aber auch einer der bedeutendsten Bergbaupatrone überhaupt, der Hl. LEONHARD von Noblac (6. November), ein französischer Mönch und Abt des 6. Jahrhunderts, der für seine Gefangenenfürsorge so bekannt war, daß die Eisenkette zu seinem Attribut wurde. Vor allem in Frankreich und der Wallonie ist er der Bergbauheilige schlechthin.

Ihrem Charakter als Büßerin entsprechend wurde die Hl. MARIA MAGDALENA (22. Juli) zunächst zu einer Gefangenenpatronin und dann eben auch zur Bergbauheiligen, deren Namenstag noch heute in einer säkularen Version, als „Bergstreittag“, im Erzgebirge begangen wird.

In der orthodoxen Kirche werden als weitere Bergbauheilige die „Fünf Ägyptischen Märtyrer“ (16. Februar) genannt: ELIAS, ISAIAS, JEREMIAS, SAMUEL und DAVID. Als sie im Jahre 309, in der Verfolgungszeit unter Diokletian, den christlichen Zwangsarbeitern in den Goldgruben Ciliciens zu Hilfe kommen wollten, erlitten sie dort ihr Martyrium.

Als Gefangenenpatron, zudem aber auch als Patron der Soldaten und Schmiede, kommt sogar St. MARTIN (11. November), einer der populärsten Heiligen überhaupt, zu einem, wenn auch weniger bedeutenden, Bergbaupatronat.

 

 

REISEPATRONE

Martin gehört wie der schon erwähnte Christophorus aber auch zu den Patronen für die Reise, weshalb letzterer ja auch zum Patron der Autofahrer wurde. Und diese Hilfe konnten die Bergleute wahrlich gut gebrauchen: sie hatten einen möglicherweise mehrstündigen Fußmarsch zur Grube bei Wind und Wetter zurückzulegen, sie mußten eine gefährliche Fahrt an Seilen oder auf glitschigen Leitern hinunter in den Schacht überstehen, bei der so mancher von ihnen verunglückte, und dann noch einmal untertage einen beschwerlichen Fußweg bis zur Arbeitsstelle unternehmen. Und nach vollbrachter Schicht ging es dann wieder auf die Rückreise! In die Gruppe solcher bergmännischer Reisepatrone gehört auch der Hl. ULRICH von Augsburg (4. Juli), der bezeichnenderweise auch ein Patron der Sterbenden ist, und vor allem aber der himmlische Gefährte aller Reisenden schlechthin: der Erzengel RAPHAEL (29. September)!

 

 

EIGENARTIGE BERGBAUPATRONATE

Rolfroderich Nemitz und Dieter Thierse berichten in ihrem Standardwerk „St. Barbara. Weg einer Heiligen durch die Zeit“ (Essen 1996) von einer Bergbaupatronin, nach der sogar Gruben benannt wurden, die aber gar keine „leibhaftige“ Heilige ist: die Heilige Dreifaltigkeit. Ihr zu Ehren wird der bekannte Hüttenberger Reiftanz nur alle drei Jahre aufgeführt, die Hl. Barbara ließ für sie das dritte Fenster in den Turm brechen, und süddeutsch-österreichische Knappen und Montanstudenten legen bis heute Wert darauf, die ersten drei Knöpfe ihres Bergkittels offenzulassen als Ehrerbietung an die Dreifaltigkeit.

Ein wirkliches Kuriosum ist freilich die bis in die jüngste Vergangenheit bezeugte Verehrung des heiligen Papstes SILVESTER (31. Dezember) speziell im Sauerländer Erz- und Schieferbergbau, denn weder Vita noch Legende weisen irgendeinen Bergbaubezug auf. Des Rätsels Lösung: die Bergleute in der Ramsbecker Gegend wollten nach all der Müh und Plackerei das alte Jahr mit einem arbeitsfreien Tag abschließen und gaben die Parole aus: „Der letzte Tag im Jahr gehört dem Bergmann“ – und das ist bekanntlich der Namenstag des Hl. Silvester!

Und dieser Heilige aus einer Kirche in der niederländischen Provinz Limburg, Hugo von Grenoble, ist gar kein Bergbaupatron -  und insofern ist es ein witziger Zufall, daß sein Namenstag ausgerechnet der 1. April ist! Ein Attribut des Hl. Hugo ist eine Lampe als Symbol seiner Weisheit  und Gelehrtheit. Und was machten die frommen niederländischen Bergleute im katholischen Limburg? Sie gaben ihm einfach eine Grubenlampe in die Hand! (Gesehen im Museum Vaals/NL).

Der bereits erwähnte Hl. Mauritius, der insbesondere in der Schweiz verehrt wird, soll Mohr (=Maure) gewesen sein und daher seinen Namen haben. Die dem Verfasser von einem Führer in einem Besucherbergwerk gelieferte Erklärung ist leider falsch  -  aber sehr schön: die Bergleute hätten wegen ihrer geschwärzten Gesichter den schwarzen Mauritius zum Patron erwählt! Diese bildhafte Erklärung entspricht aber gerade in ihrer „Kindlichkeit“ der Tradition historischer Bergbaupatronate und zeigt, daß selbst heute gelegentlich eine phantasievolle Findigkeit anzutreffen ist, die manch altem Bergbaupatronat ebenbürtig ist.

 

 

DAS INTERESSANTESTE BERGBAUPATRONAT          

Ein besonders symbolkräftiges und für das Denken unserer Vorfahren typisches Bergbaupatronat verdanken wir einer der bedeutendsten Bergbauheiligen überhaupt: die Hl. ANNA (Annette, Anke, Anita) ist die Mutter Mariens und wird gemeinsam mit ihrem Mann JOACHIM (beide 26. Juli; Achim, Jochen, Jockel) verehrt. Ortsnamen wie Annaberg und Joachimsthal legen davon bis heute Zeugnis ab. Dabei sind beide keine biblischen Heiligen, sondern entstammen dem apokryphen Jakobusevangelium, das nicht zum Kanon der Heiligen Schrift gehört.

Oft wird Anna mit ihrer Tochter Maria und ihrem Enkel, dem Jesuskind, in der Dreizahl als „Anna Selbdritt“ dargestellt. Allen dreien ist ein bestimmtes Metall als Symbol beigegeben: Annas Symbol ist das Zinn, Marias ist das Silber und Christus` Symbol ist das Gold.. Der Bergbaubezug ist hier absolut naturalistisch, denn die Bergleute betrachteten den Leib Mariens und den Leib Annas als Bergwerke, die edle Metalle hervorbringen. So gebiert Anna als „Bergwerk“ das nächstedlere Metall, das Silber, und Marias Leib bringt als „Bergwerk“ das edelste Metall überhaupt, das Gold, also Christus hervor.  

In den Augen der Bergleute war die Anna Selbdritt somit ein bergmännisches Abbild des Heilsgeschehens, in dem vom Zinn über das Silber bis hin zum Gold in absteigender Linie die Metalle veredelt wurden. 

 

Haben wir einen Heiligen des Bergbaus vergessen oder übersehen?

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