„Und gib, daß wir einst unsere letzte Schicht zu Dir fahren, die Ernte des Lebens vollenden in Dir.“

Aus dem „Gebet zur Mettenschicht“ von Bergmannspfarrer Frank Meinel (*1960); Pfarrer von Schneeberg/Erzgebirge



Stirbt ein Bergmann, dann es heißt es, er sei „zur letzten Schicht angefahren“. In den über 90 Jahren, die Sophia Jacoba bestand, fuhren über 300 Bergleute während ihrer Arbeit auf dem Bergwerk zur letzten Schicht an: von Niclas Breuer, der 1912 beim Abteufen aus einem Förderkübel in den Schacht stürzte, bis zu Oktay Tekocak, der 1993 auf dem Weg zur Schicht tödlich verunglückte.


Wir mögen sie persönlich nicht gekannt haben, wissen vielleicht nur ihre Namen, aber sie waren Glieder einer Kette, zu der auch wir gehören.


Wir gedenken unserer tödlich verunglückten Kameraden, die im Monat OKTOBER zur letzten Schicht anfuhren.

 

1. Oktober 1971: Abdullah Sönmez, Gedingeschlepper

Er wurde vom Aufsatzblech im Förderer getroffen, Streb Revier 8, Diagonal 110.

 

2. Oktober 1953: Wilhelm Behnke, Gedingeschlepper

Er starb durch Steinfall aus dem Hangenden in Revier 1, Ort 1, Blindschacht 336.

 

4.Oktober 1921: Jacob Szymanski, Hauer

Er starb bei einer Explosion auf der 260 Meter Sohle, 4. Abteilungsquerschlag Osten, als ein Hilfsloch gebohrt wurde-

 

4. Oktober 1956: Hans Schnitzler, Schlosser

Er wurde übertage von einem Zug erfaßt.

 

4. Oktober 1968: Leonhard Gonsior, Hauer

Er starb durch Steinfall beim Ausbauen, Hobelstreb Revier 5 aus Diagonal 452.

 

5. Oktober 1957: Heinz Klitscher, Hauer

Er starb durch Steinfall beim Ausbauen im Streb Osten aus dem 4. Abteilungsquerschlag.

 

7. Oktober 1940: Wilhelm Reiners, Hilfsarbeiter

Er starb übertage bei einem Unfall am Kesselhaus und wurde zwischen einem Eisenbahnwagen und der Rampe eingeklemmt.

 

13. Oktober 1993: Oktay Tekocak, Elektrohauer

Er starb auf dem Weg zur Grube bei einem Verkehrsunfall auf der Landstraße zwischen Brachelen und Hilfarth.

 

15. Oktober 1936: Leo Grewenrath, Gedingeschlepper

Er starb durch Steinfall beim Aufhauen in Flöz A, 360 Meter Sohle.

 

16. Oktober 1929: Quirin Keutmann, Schlepper

Er wurde von einem ablaufenden Wagen gegen einen Stempel gedrückt, 360 Meter Sohle, Flöz 6, Osten.

 

16. Oktober 1968: Paul Thiel, Lehrhauer

Er geriet unter einen fahrenden Zug im 3. Abteilungsquerschlag, Blindschacht 2304.

 

17. Oktober 1941: Hubert Werner,

Er starb durch Steinfall beim Rauben in Revier 15, Flöz 3, 360 Meter Sohle.

 

17. Oktober 1954: Helmut Büttner, Hauer

Er stürzte in Blindschacht 290 zu Tode, Revier 9.

 

18. Oktober 1932: Bei einer Schlagwetterexplosion auf der 360 Meter Sohle im Flöz A starben:

Paul Behner, Hauer

Ernst Dignas, Schlepper

Otto Hamann, Hauer

Heinz Metzen, Schlepper

Böhm (Vorname leider unbekannt), Lehrhauer

Friedrich Tibusek, Schießmeister

Robert Weber, Hauer

 

19. Oktober 1951: Hubert Görtz, Hauer

Er starb durch Steinfall bei der Gewinnung in Revier 4, Flöz 5, Hauptquerschlag Norden.

 

19. Oktober 1962: Georg Rieppel, Hauer

Er starb durch Steinfall beim Einkürzen des Panzers, Hobelstreb Revier 8 aus Blindschacht 208.

 

20. Oktober 1956: Friedrich Jansen, Hauer

Er starb durch Steinfall beim Rauben, Blindschacht 204, Revier 10.

 

20. Oktober 1958, Peter Heid, Hauer

Er starb auf dem Weg zur Schicht bei einem Verkehrsunfall auf der Rurbrücke in Hilfarth.

 

21. Oktober 1944: Albert Lewetzki, Tagesarbeiter

Er starb übertage bei einem Bombenangriff.

 

22. Oktober 1992: Ralf Steffan, Schachtzimmerhauer

Bei Reparaturarbeiten auf der Seilfahrtbühne wurde vom Kontergewicht des Korbes erfaßt, Schacht 5, 360 Meter Sohle.

 

23. Oktober 1936: Wilhelm Olschewski

Er starb durch Steinfall in Flöz A auf der 360 Meter Sohle.

 

24. Oktober 1963: Paul Mühle, Hauer

Er geriet unter ein Ladegestell an Ladestelle Revier 26 aus Diagonal 32.

 

25. Oktober 1952: Hubert Bock, Baggerfahrer

Er starb auf dem Weg zur Schicht bei einem Unfall auf der Roermonderstraße in Hückelhoven.

 

25. Oktober 1967: Hubert Mohren, Hilfszimmerhauer

Er wurde zwischen Großraumwagen und Gezähebude eingeklemmt an Ladestelle 5, Abteilungsquerschlag, Revier 1.

 

26. Oktober 1926: Theodor von den Driesch, Schlepper

Er wurde im Schacht vom Förderkorb getroffen, Füllort auf der 360 Meter Sohle

 

26. Oktober 1959: Wolfgang Hanneder, Hauer

Er starb bei einem Verkehrsunfall in der Myhlerstraße auf dem Weg zur Grube.

 

29. Oktober 1958: Johann Esch, Lehrhauer

Er geriet unter einen umkippenden Wagen im 3. Abteilungsquerschlag, südlich von Blindschacht 204.

 

30. Oktober 1953 Gerhard Wohlfarth, Gedingeschlepper

Er wurde von einem Kohlebrocken zwischen Panzer und Ausbau eingeklemmt, Millicher Querschlag, Revier 13, Flöz 13.

 

30. Oktober 1964: Max Woykos, Hauer

Er starb durch Steinfall beim Ausbauen, Bandstrecke Revier 4 aus Diagonal 444.

 

 


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KAMERADEN AUCH ÜBER DEN TOD HINAUS

UNSER „GEDENKMAL“






Man stutzt, wenn man diesen Begriff zum ersten Mal liest: „Gedenkmal“, eine Zusammenziehung aus „Gedenken“ und „Denkmal“. Dieses Kunstwort ist ein Substantiv, in dem aber natürlich auch ein Imperativ, eine Aufforderung an den Betrachter mitschwingt: „Gedenke doch einmal!“

 

Denkmale mögen naturalistisch sein oder abstrakt, heroisch überhöht oder einfach; sie mögen den Betrachter berühren oder befremden; sie lösen Andacht, Nachdenklichkeit oder Beklommenheit aus; es mag sich um eine Skulptur, eine Wandtafel, einen Obelisken oder ein Bauwerk handeln; Denkmale können betont schlicht oder aber überlebensgroß, eben „monumental“ wirken; ein Denkmal kann Trauer, Dankbarkeit oder Stolz ausdrücken, der Geehrte mag ein bedeutender Dichter sein, dessen Namen jeder kennt, oder aber ein unbekannter Soldat.

Gemeinsam ist aber den meisten Denkmalen, daß sie außerhalb unseres täglichen Lebens stehen. Man besucht sie an bestimmten Feiertagen, legt Kränze nieder, hört Ansprachen und lauscht den Klängen der Musikkapelle. Denkmale sind dem Leben der Menschen, ihrem Alltag, eben dem „Alltagsgebrauch“ entzogen. Dieser schon fast sakrale Charakter ist Stärke und gleichermaßen Schwäche eines Denkmals.

 

Wir von der Belegschaft des Fördervereins Schacht 3 haben nun bewußt einen anderen Weg beschritten. Schon vor einiger Zeit hatte u.a. unser Kamerad Andreas Rother angeregt, in geeigneter, bergmännischer Weise der Belegschaftsmitglieder unseres Vereins ein Andenken zu bewahren, die seit der Stillegung 1997 gestorben sind. Es waren Menschen, die nach der Stillegung nicht resignierten, auch nicht die Hände in den Schoß legten, die sich nicht damit trösteten, daß sie ja ihre Renten hatten. Nein, es waren Menschen, die sofort fragten: „Was kann ich dafür tun, den Bergbau wenn auch nicht in konkreter Form, so doch in ideeller Weise weiterleben zu lassen?“ Und so retteten sie Schacht 3 gegen alle Widerstände vor der Zerstörung, restaurierten in ungezählten Arbeitsstunden die Anlage und schufen ein Besucherbergwerk, das Zeugnis von der glanzvollen Bergbauepoche gibt und den Menschen von Hückelhoven stolzes kollektives Erbe sein soll.

 

Bislang sind acht dieser Kameraden zur letzten Schicht angefahren: Manfred Schäfer, Dieter Jakeit, Hans Gerd Frenken, Friedhelm und Eleonore Trenk, Sofie Rühlemann, Bernhard Knossalla und Heinz Heldt. Und so wollten wir ihr Andenken genau dort bewahren, wo sie viele Jahre gewirkt haben und wo ihre geistige Heimat war: in dem Herzstück des Bergwerks, dem Maschinenhaus von Schacht 3. Dort befindet sich nun das „Gedenkmal“, nachgebildet einem sogenannten Türstockausbau aus Holz, mit dem unsere Altvorderen die Grubenbaue abstützten und diese so vor dem Einsturz bewahrten. Hier hängen nun die Bilder der  Kameraden. Sie sind also mitten unter uns, sie gehören zu unserem Alltag, und jeder, der hier arbeitet oder bei uns zu Gast ist, kommt an dieser Stätte vorbei und  kann die Aufforderung „Gedenk mal“ vernehmen. Das „Gedenkmal“ ist somit kein „Monument“, sondern ähnelt in seinem Charakter eher einem Wegekreuz, einem Heiligenhäuschen oder Marterl und macht uns bewußt, daß unsere Kameraden nicht von uns gegangen, sondern uns nur vorangegangen sind.

Unter den Bildern liegt das Ehrenbuch des Bergwerks, in dem die Namen der über 300 Bergleute verzeichnet sind, die ihr Leben als Bergleute ließen. Über dem Türstock wacht jene, auf die die Bergleute stets vertraut haben: die Hl. Barbara. Auf eine sehr bergmännische Weise entspricht unser neugeschaffenes „Gedenkmal“ der Forderung des Wandervogels und Dichters Walter Flex, der selber im Ersten Weltkrieg so jung sein Leben verlor:

                              „Gebt Euren Toten Heimrecht, Ihr Lebendigen,

                               daß wir unter Euch wohnen und weilen dürfen

                               in hellen und dunklen Stunden.(…)

                               Macht, daß die Freunde ein Herz fassen,

                               von uns zu plaudern und zu lachen!

                               Gebt uns Heimrecht, wie wir`s im Leben genossen.“      






Ulla Meurer


Diese Ansprache hielt Frau Ulla Meurer MdL bei der Barbarafeier im Jahr 2009 am Gedenkstein für die verunglückten Bergleute in Hückelhoven-Hilfarth. Frau Meurer gelang etwas, was nicht leicht ist: sie hat ein abstraktes Schicksal konkret gemacht, hat einem Namen ein „Gesicht“ gegeben. Wir danken Frau Meurer, daß wir diese Rede hier reproduzieren dürfen. Sie ist es wert, gelesen zu werden.


Am 13. Februar 1957 wurden auf Sophia-Jacoba Wilhelm Gebhardt und der Hauer Waldemar Latz aus dem Saarland verschüttet und konnten nur noch tot geborgen werden. Der Knappenverein St. Johann Rohrbach an der Saar gab dem verstorbenen Saarländer das letzte Geleit. Diese würdige Bestattung im Bergkittel berührte die 16 Kumpel von Sophia-Jacoba so sehr, daß sie wenige Tage später, am 24. Februar 1957, den Knappenverein St. Barbara gründeten.


Heute, mehr als 50 Jahre nach diesem Ereignis, haben wir uns mit Ihnen, den Knappen der 1997 geschlossenen Zeche Sophia-Jacoba, den Mitgliedern des Knappenvereins St Barbara Hilfarth im Bergkittel, den Mitgliedern des Fördervereins Schacht 3, den Mitgliedern der Mineralien- und Bergbaufreunde und der Bergkapelle Sophia-Jacoba, die alle die bergmännische Tradition in Hückelhoven für die nachfolgenden Generationen aufrecht erhalten, den zahlreichen Gästen von befreundeten Vereinen von nah und fern und den Kommunalpolitikern der Stadt Hückelhoven hier versammelt und gedenken besonders der toten Bergleute, die ihr Leben in den Tiefen der Erde hier im Aachener Revier auf Sophia-Jacoba verloren haben. Aber auch jener, die durch den schleichenden qualvollen Tod durch die hohe Staubbelastung an Silicose erkrankten und ihr Leben ließen. Sie sind jeden Tag eingefahren, um für uns die Anthrazitkohle abzubauen, die unsere Wohnungen und Häuser im Winter wärmte.

Der Beruf des Bergmanns war nie ein Beruf wie jeder andere. Tagein und tagaus fahren sie in den Berg ein. Sie wissen niemals, ob der Berg, der mit dem schwarzen Gold sie und ihre Familien ernährt, auch ihr Grab sein wird. Eine besondere Form der Kameradschaft verbindet Bergleute: Kameradschaft, die sonst in unserer Gesellschaft nur noch selten anzutreffen ist. Sie, die letzten Kumpel im Aachener Revier waren untertage auf den Kameraden nebenan angewiesen. Er konnte Lebensretter, aber auch zu Rettender sein. Sie mußten sich aufeinander verlassen, hundertprozentig. Das schweißt ein Leben lang zusammen. Übertage haben die Familien zusammengehalten, sich gegenseitig unterstützt, bei Krankheit und unverschuldeter Not. Diese Tradition setzen vor allem Knappenvereine wie St. Barbara Hilfarth fort: mit Krankenbesuchen, Besuchen bei Mitgliedern im Altenheim, aber auch bei Hochzeiten, Taufen und Geburtstagen.


Lassen Sie mich stellvertretend für alle, die im Buch von Franz Josef Sonnen, dem letzten Betriebsratsvorsitzenden von Sophia-Jacoba, genannten 325 Bergleuten, die seit dem Beginn des Kohleabbaus hier in Hückelhoven ihr Leben ließen, einen herausgreifen.


Vor 50 Jahren, in der Nachtschicht vom 24. auf den 25. August 1959 ließ Karl Sebastian, Lehrhauer aus Krafeld, sein Leben. Er war gerade erst Vater eines gesunden kleinen Jungen geworden und wollte in dieser Nacht nicht einfahren, wäre lieber bei Frau und Kind geblieben, um das ewige Wunder neuen Lebens zu bestaunen. Schließlich machte er sich schweren Herzens auf den Weg zu seinem Arbeitsplatz, zum Streb aus Diagonal 33 im Revier 23. Durch Steinfall bei der Gewinnung ließ er sein Leben. Karl war ältester Bruder von 10 Geschwistern.


Zur Frühschicht an jenem Morgen wollte sein jüngerer Bruder einfahren. Gemeinsam mit den Kollegen mußte er warten, weil ein Kumpel aus dem Berg tot geborgen werden mußte, sein Bruder Karl.


Lassen sie uns hier am Gedenkstein gemeinsam an alle verstorbenen Bergleute denken, an ihre Frauen und Kinder, Eltern und Geschwister, Freunde und Freundinnen.

Glückauf!

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                                                                                                                                                            DAS  STERBEKREUZ KEHRT ZURÜCK





Kurz vor Weihnachten 2010 kehrte das Sterbekreuz des Bergwerks Sophia-Jacoba heim. Über Jahrzehnte befand es sich auf Schacht 4/6 in Ratheim, wo es in einem Andachtsraum hing. Wenn ein tödlich verunglückter Bergmann mit dem Förderkorb nach übertage gebracht wurde, so wurde er unter diesem Kreuz aufgebahrt.

 

Als Ende der 1990er Jahre Schacht 4/6 abgerissen wurde, da war es der Ratheimer Bäckermeister Josef Lowis, der die Initiative ergriff: er rettete das Kreuz vor der Vernichtung und nahm es in seine Obhut. Es war ein Anliegen des Ehepaars Lowis, daß dieses Kreuz auf das Bergwerk Sophia-Jacoba zurückkehrt. Es hat im Maschinenhaus von Schacht 3 nunmehr seinen würdigen, seinen letzten Platz gefunden.

 

Wir danken unserem Vereinskameraden, Herrn Bäckermeister i.R. Josef Lowis und seiner Frau Gertrud, daß sie uns dieses unwiederbringliche Zeugnis bergmännischer Frömmigkeit anvertrauen.

 

Es handelt sich um ein schlichtes Holzkreuz ohne Corpus, 140 cm hoch und 100 cm breit.

 

Wir würden uns freuen, wenn Sie, liebe Leser, nähere Angaben zu dem Kreuz machen könnten.                                                                                                                                                                                           Wann wurde es angefertigt? Wir glauben nämlich, daß es älter ist als die 1964 fertiggestellten Schächte 4 und 6.                                                                                                                                                                  Wer hat es angefertigt? Stammt es aus einer Werkstatt auf der Grube oder aus einer Schreinerei? Vielleicht können Sie uns ja helfen.